Text+Kritik-Band widmet sich Hans Jürgen von der Wense

Eine ganze Galaxie

Ein Original: Hans Jürgen von der Wense. Foto: nh

Er habe den Ehrgeiz, „jeden kleinen Absatz zu einem so erstaunlichen Schluss zu überführen, dass man aufspringt und sagt: nein, toll. Ganz unmöglich!“, hat Hans Jürgen von der Wense einmal formuliert. Das ist vielleicht das Wunderbarste an dem lange vergessenen Universalgenie Wense (1894-1966), der viele Jahre in Kassel und Göttingen lebte: Wie euphorisch, schwärmerisch er sich in abseitigste Themen stürzte, wie sprachgewaltig, bildmächtig und humorvoll er von den Entdeckungen, hemmungslose Übertreibungen nicht scheuend, zu erzählen wusste: „An der Hingabe liegt alles.“

Sein Werk - der Nachlass befindet sich mit 30 000 Blättern seit 2009 in der Uni-Bibliothek Kassel - musste bei Wenses vielfältigsten Interessen unabschließbar bleiben, es war nicht zu bändigen, fügte sich keiner Ordnung: Wense komponierte, übersetzte aus dem Ägyptischen, Tibetanischen wie aus der Sprache der kolumbischen Uitoto-Indianer, und er war ein leidenschaftlicher Wanderer, der in einem 100-Kilometer-Radius um Kassel Beobachtungen zu Wetterkunde, Astronomie, Geologie, Wüstungsforschung, Etymologie, Brauchtum und vielem mehr festhielt. Zu einem publizierbaren Ende kam der leidenschaftliche Briefeschreiber und Fotograf nicht: „Nur was offen bleibt“, schrieb er, „spendet ganz insgeheim der Welt (...) seinen überschwänglichen Reichtum.“

Faszinierend ist, wie die abenteuerliche „Galaxie Wense“ (so einer seiner Entdecker, der Verleger Axel Matthes) nun mit genauso viel Überschwang erkundet wird. Der Berliner Germanist Reiner Niehoff hielt bei der Kasseler Wense-Tagung 2008 einen fulminanten, mit herrlichen Zitaten gespickten Vortrag über Wenses Wanderungen. Er ist nun nachzulesen im Wense gewidmeten Band der Literaturzeitschrift „Text+Kritik“. Niehoff deutet Wenses „Sich-in-der-Schöpfung-vergessen-wollen“, sein Wandern als „Gottesdienst“ und „irdisches Paradies“, die Ekstase, mit der er sich das unbekannte Mittelgebirge erschrieb, es mit Sprache belebte, affektiv auflud und zum Glühen brachte. „Verkünde den Glanz der Welt“, war die Parole, „hier ist man geläutert und seiner selbst überhoben“, schrieb er etwa aus dem Knüll.

Harald Kimpel schildert die „Überwältigungsbereitschaft“ anhand der documenta-Besuche („ein gewaltiges, übergewaltiges Erlebnis!!!“), Nachlassverwalter Dieter Heim erinnert an den Freund und dessen Kosmos, der erfüllt war von unzähligen Sternen, die aufleuchteten, absanken, aber nie verlöschten. Ein Kosmos, immer in Bewegung. Wie es Wense kurz vor dem Tod schrieb: „Ich denke nur ans Wandern. (...) Immer aufbrechen, niemals heimkommen.“

Text + Kritik Band 185: Hans Jürgen v. d. Wense. Hrsg. Heinz Ludwig Arnold. 129 S., 19 Euro Wense-Theaterstück „Immer mit Dir!“, Theater Zeitraum, 27., 28.2., 19.30 Uhr, Altes Rathaus Göttingen

Von Mark-Christian von Busse

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