Amerikanerin Tai Murray brillierte bei den Kasseler Musiktagen

Eine Geige, die mitreißt

Tai Murray Foto:  nh

KASSEL. „Ich liebe Konzerte, die richtig abgehen, und speziell dieses von Dvorák“, sagte die Geigerin Tai Murray im HNA-Gespräch einige Tage vor ihrem Kasseler Auftritt. Es war zugleich eine gute Selbstcharakteristik. Denn mit einem Violinspiel, das richtig abging, beeindruckte die Amerikanerin am Freitag im Opernhaus bei den Kasseler Musiktagen.

In einer geradlinigen, stringenten Lesart präsentierte Tai Murray das Dvorák-Konzert mit dem Dirigenten Petr Vronsky und dem Symphonieorchester des Prager Nationaltheaters. Die über jeden Zweifel erhabene Technik und das exzellente Rhythmusgefühl der 29-Jährigen prägten sich ein.

Selbst bei den schnellsten Tonfolgen war immer ein präziser Puls zu spüren. Zum Triumph musste ob dieser Energie der tänzerische Finalsatz geraten. Beim beschwingt synkopierten Furiant-Thema demonstrierte Tai Murray, wie viel rhythmisches Leben in fast 130 Jahre alter Konzertmusik stecken kann.

Für den kräftigen Applaus bedankte sie sich nicht etwa mit einer lyrischen Zugabe zum Abkühlen. Vielmehr spielte sie für die 450 Zuhörer mit treibender Motorik das Prestofinale aus der Sonate op. 27/4 von Eugène Ysaÿe. So zeigte Tai Murray einen ganz anderen Stil als die Koreanerin Hyeyoon Park, die mit ihrem sensitiven Klang einige Tage zuvor bei den Kasseler Musiktagen zu Gast gewesen war.

Noblesse prägte die Darbietung des Prager Orchesters und des Dirigenten Petr Vronsky. Bei relativ kleiner Orchesterbesetzung gab es ein luftig leichtes Musizieren. Wer das Spektakuläre und Aufregende liebt, war bei den Pragern freilich an der falschen Adresse.

Vor dem krönenden Abschluss mit Dvoráks Violinkonzert spielten 20 Streicher das frühe „Idyll“ von Leo Janácek - nicht immer perfekt dabei die Geigen. In der ersten Konzerthälfte erklang Rossinis Ouvertüre zu „Die seidene Leiter“ mit delikaten Wechselspielen von Streichern und Bläsern sowie eine feinsinnige Wiedergabe der Sinfonie D-Dur von Jan Václav Vorisek (1791-1825).

Besonders interessant an diesem Werk zwischen Klassik und Romantik sind die Molltöne der Mittelsätze. Vorisek, der mit 22 Jahren von Böhmen nach Wien kam, gilt übrigens als musikhistorisch nicht unbedeutender Komponist.

1817 führte er die neue, später von Schubert aufgegriffene Bezeichnung „Impromptu“ in die Klaviermusik ein.

Von Georg Pepl

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