Neu im Kino: Oscar-Preisträgerin Jane Campion erzählt im tollen „Bright Star“ vom Dichter John Keats

Eine große und unerfüllte Liebe

Gefühle in wunderschönen Bildern: Fanny (Abbie Cornish) erobert das Herz des armen Dichters John Keats (Ben Whishaw). Foto: Tobis

Das Glück ist ein wehender Vorhang, eine sanfte Brise, die vom Sommer draußen durch das geöffnete Zimmer weht und leicht über die glühenden Wangen streicht. Nach dem Spaziergang, dem ersten Kuss und der Gewissheit, die Liebe ihres Lebens gefunden zu haben, stürmt Fanny (Abbie Cornish) in ihr Zimmer und lässt sich seufzend aufs Bett sinken. Lange blickt die Kamera auf den stillen Moment vollkommener Glückseligkeit. In diesem ruhigen Bild bündelt sich die zarte Präzision, mit der die neuseeländische Regisseurin Jane Campion („Das Piano“) in „Bright Star“ der Liebe auf den Grund geht.

Im ländlichen Hampstead unweit Londons lebt Anfang des 19. Jahrhunderts der junge Dichter John Keats (Ben Whishaw), der nach seinem frühen Tod zu einem der bedeutendsten Poeten der englischen Romantik avancieren wird, zu Lebzeiten (1795 bis 1821) jedoch erfolglos bleibt. Als Keats zum ersten Mal die junge Fanny trifft, gesteht ihm die Nachbarin, dass sie mit Poesie nichts im Sinn hat.

Aber gerade die Befremdlichkeit weckt das Interesse füreinander, das schon bald zu einer großen und unerfüllbaren Liebe heranwächst. An Hochzeit ist nicht zu denken angesichts der finanziellen Situation des verarmten Poeten. Kaum ein Jahr verbringen die beiden miteinander, bis Keats an Tuberkulose erkrankt und vor dem englischen Winter nach Rom flüchten muss, wo er bald seinem Leiden erliegt.

Fern von Sentimentalität und Melodrama inszeniert Campion diese tragische Liebesgeschichte. Keine Künstler-Musen-Schmonzette, sondern ein Liebesfilm, der den Gefühlen mit zärtlicher Aufmerksamkeit auf den Grund geht. Dass Nähe nichts mit Indiskretion zu tun haben muss, lässt sich hier bestens belegen. Die Kamera bedrängt die Figuren nicht und scheint doch direkt in sie hineinschauen zu können.

Die Zurückhaltung, mit der die Liebenden einander begegnen, ist in „Bright Star“ nicht Ausdruck restriktiver gesellschaftlicher Konventionen. Die emotionalen Wahrnehmungsmechanismen sind hier nur sehr viel feiner eingestellt. Die Romantik wird schließlich gerade erst erfunden, und auf ihre eigene, sehr leise Art gehen die beiden Liebenden mit einer radikalen Offenheit aufeinander zu.

Mit nuancierter Gelassenheit erforscht Campion diese vergangenen Gefühlswelten, findet wunderschöne, sinnliche Bilder für das Glück und den Schmerz der unerfüllten Liebesbeziehung und erreicht eine emotionale Aufrichtigkeit, wie man sie in „Sex and the City“ nie erleben wird.

Genre: Drama

Altersfreigabe: ab sechs

Wertung: !!!!!

www.hna.de/kino

Von Martin Schwickert

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