Das Städel in Frankfurt präsentiert eine beeindruckende Kirchner-Retrospektive

Eine kraftvolle Marke

Neuentdeckung: Ernst-Ludwig Kirchners „Die liegende Frau im weißen Hemd“ auf der Rückseite eines anderen Gemäldes.

Frankfurt. Ein eher unangenehmer Exzentriker und Egomane soll er gewesen sein, der seinen Namen früh zur „Marke“ ernannte. Doch als Künstler war der in Aschaffenburg geborene Ernst Ludwig Kirchner (1880 - 1938) eine Ausnahmeerscheinung, der das Städel in Frankfurt bis zum 25. Juli eine beeindruckende Retrospektive widmet.

Über 170 Werke, viele davon aus eigenem Besitz, zeugen von einem Künstler, der sich, so Kurator Felix Krämer, immer wieder neu erfand. Die von ihm selbst 1905 mitgegründete avantgardistische Künstlergruppe „Brücke“ verachtete er später; und auch ein Expressionist wollte einer der wichtigsten Maler dieses Stils nicht sein. Von seinem von Lucas Cranachs Venus inspirierten „Akt mit Hut“ meinte er später gar, dass sein Werk das Vorbild aus der Renaissance bei weitem übertreffe. Und doch fühlte er sie nie ausreichend gewürdigt. Krämer: „Wäre Kirchner unser Zeitgenosse, wäre er ständig im Internet und würde sich googlen.“

Seine Selbstinszenierung dokumentiert die Frankfurter Schau mit einer Sammlung von Selbstporträts aus unterschiedlichen Lebensabschnitten. Seine bedeutendsten Werke, darunter „Die Badenden“ an den Moritzburger Seen bei Dresden und der „Akt mit Hut“ werden ergänzt durch eine Neuentdeckung: „Die liegende Frau im weißen Hemd“ die sich auf der Rückseite des Bildes „Nackte Frau am Fenster“ befand und von Kirchners Angewohnheit zeugt, Leinwände doppelt zu bemalen.

1911 geht er nach Berlin, fängt er die Hektik der Großstadt in neuen Formen ein: die mondänen Kokotten der berühmten „Straßenszenen“ mit ihren fedrigen Hüten haben überlange Körper, alles wird spitzer, eckiger, die Farben weniger kräftig.

Den Abschluss der chronologischen Schau, in der neben seinen weithin bekannten Gemälden viele ausdrucksstarke Holzschnitte und Zeichnungen zu sehen sind, bilden die Werke des Kirchnerschen „Neuen Stils“: Anklänge an das Abstrakte und doch dem Gegenständlichen verhaftet; in einer eigenen Farbigkeit - pink, grün, lavendel -, die eher an die Fünfziger erinnert denn die düsteren Dreißiger, die der schon 1914 erkrankte und nach Davos übersiedelte Künstler dort verbrachte.

In Deutschland erklärten die Nationalsozialisten Kirchners Werke zur entarteten Kunst, die verhöhnt, aus Museen verbannt und zum Teil vernichtet wurde. Längst schwer medikamentenabhängig, erschoss sich Kirchner, als die Deutschen 1938 in Österreich einmarschierten.

Dass das Städel, das bereits 1919 erste Kirchner-Werke erwarb, über eine große Sammlung des Künstlers verfügt, verdankt es dem Frankfurter Chemiker Carl Hagemann. Dessen Kunstsammlung war von Städel-Direktor Ernst Holzinger vor den Nazis versteckt worden, Hagemanns Erben revanchierten sich später mit großzügigen Schenkungen. „Ich staune über die Kraft meiner Bilder im Städel“, sagte Kirchner einmal. Viele dürften ihm heute zustimmen.

Von Petra Wettlaufer-Pohl

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