Ruhr.2010 hat den Menschen im Revier neues Selbstbewusstsein gegeben - aber ein Schatten bleibt

Eine Kulturhauptstadt für alle

Mehr als 5600 Veranstaltungen gab es, beteiligt waren 53 Kommunen an Rhein und Ruhr. Aber im Gedächtnis wird nicht in erster Linie bleiben, wie facettenreich und vielfältig das Ruhr.2010-Programm gewesen ist.

Zwei Massenveranstaltungen prägen das Bild, das vom Kulturhauptstadtjahr bleiben wird: ein unbeschwerter Sommer-Sonntag, an dem drei Millionen den für Autos gesperrten Ruhrschnellweg A 40 in Besitz nahmen und in eine fröhliche Partyzone verwandelten, und nur eine Woche später die Katastrophe von Duisburg, als 21 Menschen zu Tode kamen, Hunderte verletzt wurden.

Die Love-Parade war kein offizieller Ruhr.2010-Programmpunkt, die Veranstalter hatten sich aber die Ausrichtung auf ihre Fahnen geschrieben. Nach der Tragödie kippte folglich die Euphorie, die das Erlebnis „Still-Leben“ auf der A 40 ausgelöst hatte. Es dauerte, bis Ruhr.2010 den heftigen Dämpfer verkraftet hatte, und der Schatten wird bleiben.

Und doch fällt die Bilanz positiv aus - nicht nur, was die Zahlen betrifft (siehe Hintergrund). Bewährt hat sich, erstmals einer Region das Prädikat zu verleihen. Die zerstrittenen Ruhr-Städte sind zusammengewachsen und haben - etwa beim Nahverkehr - kooperiert wie nie. Unter dem Motto „Local hero“ wurde aber auch jede Woche einer Kommune eine große Bühne bereitet.

Deren Einwohner haben neues Selbstbewusstsein gespürt. Ihre Heimat gilt nicht mehr als marode Industrieregion, sondern als Ziel für kulturell interessierte Städtereisende. Auf Großplakaten steht die Zeche Zollverein in Essen jetzt neben dem Eiffelturm und dem schiefen Turm von Pisa. „Das Ruhrgebiet hat sich Respekt verschafft“, sagt Ruhr.2010-Geschäftsführer Fritz Pleitgen.

Geglückt ist auch die Mischung aus Massentauglichkeit und Spitzenkultur. Es war ein Jahr nicht nur für Bildungsbürger. Es gab den Homer-Theaterzyklus, die Hans-Werner-Henze-Opernkomposition „Gisela“ und Avantgarde-Dichterlesungen, aber ebenso ein Märchenfestival, mittelalterliche Kirchenmusik und gelbe Gasballons über ehemaligen Zechen („Schachtzeichen“).

Was wird bleiben von Ruhr.2010? Neue Gebäude, etwa der vielgerühmte Chipperfield-Bau für das Museum Folkwang in Essen und das Dortmunder Kulturzentrum U, renovierte Bahnhöfe, fünf Besucherzentren und mit einem Herkules ein Wahrzeichen für Gelsenkirchen: Die 18 Meter hohe Aluminium-Statue auf dem Nordstern-Zechenturm stammt von Markus Lüpertz.

Mehr als 30 Projekte sollen fortgesetzt werden, wie die Kooperation „Ruhrkunstmuseen“ und die Gestaltung des Rhein-Herne-Kanalufers. Die Kommunen wollen ihren 2,4-Mio.-Euro-Anteil am Kulturhauptstadtjahr auch künftig für Kultur bereitstellen, dieselbe Summe schießt das Land zu. Der Multikulti-Zug „Melez“ (Mischling) soll weiter durch den Pott rollen, einen Gesangstag („Day of Song“) soll es 2013 wieder geben. Und irgendwann auch eine Autobahn wieder für Radfahrer und Fußgänger gesperrt werden. (mit dpa)

Von Mark-Christian von Busse

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