documenta-Forum zeigt zur Museumsnacht Film „Fairytale“ über den Besuch von 1001 Chinesen in Kassel

Eine logistische Meisterleistung

Good-bye: Ai Weiwei (links) im Gespräch mit Jiang Xian Ming bei der Abreise der Chinesen am 9. Juli 2007. Archivfoto: Schoelzchen

Kassel. Zu den amüsantesten Szenen des Films „Fairytale“ über den vom Künstler Ai Weiwei organisierten Besuch von 1001 Chinesen auf der documenta 2007 gehört ein Interview mit einem älteren Herrn in Kassel, der sagt, es sei ein Märchen, dass so viele Chinesen moderne Technologien kennenlernen könnten: Elektrizität, heißes Wasser, Autos, Flugzeuge.

Wenn dieser Herr die Projektvorbereitungen sehen würde, wie sie zahlreiche Filmteams festhielten, würde er staunen: Über gigantische Baustellen (wie das Olympiastadion, das von Ai mitkonzipierte „Vogelnest“, in Peking), chinesische Schriftzeichen auf den Laptop-Bildschirmen und die allgegenwärtigen Handys.

Das Märchenhafte an Ai Weiweis wahnwitzigem Unterfangen, 1001 Chinesen zur documenta zu bringen, war die Bewältigung der logistischen und politischen Schwierigkeiten. Pässe und Visa zu beantragen, Flüge zu buchen, Unterkunft und Verpflegung zu organisieren - welche Herausforderung das war, macht der Film deutlich.

Sein unterhaltsamster Teil sind die Kassel-Szenen in den letzten 60 der 152 Minuten: Herrlich, mit welchem Befremden Chinesen einen Schwan am Buga-See und den Hydranten in einer Rabatte betrachten. Der Teil, in dem die Filmteams in die Heimat mancher „Fairytale“-Teilnehmer reisen, vom Sicherheitsinspekteur an einer Schnellstraße bis zu Kunststudenten in Schanghai, leidet darunter, dass man viele der zusammenhanglosen Passagen nicht einordnen kann. Manche Geschichten werden angerissen, aber nicht zu Ende erzählt. Die englischsprachige Untertitelung - rasant und in sehr kleiner Schrift - macht das Zusehen nicht leichter.

Über vieles kann man staunen, obwohl es sich nicht ganz erschließt: Über die Offenheit, mit der in Intellektuellenkreisen abfällig über Partei und Regierung gesprochen wird (in einer quälend langen Einstellung lässt ein Schriftsteller in schwer angetrunkenem Zustand kein gutes Haar an der Entwicklung). Über den bürokratischen Aufwand für einen Pass. Über Ai Weiweis Charisma - er ist wirklich das Zentrum von „Fairytale“ -, seine ruhige Gelassenheit. Über die monströsen Gegensätze zwischen einer schnell wachsenden Wirtschaft und einer starren Ideologie, die von singenden Kindern in Pionierliedern verherrlicht wird.

Ein chinesischer Polizist rät einem Landsmann, unbedingt nach Deutschland zu reisen, da seien sogar die Hügel grüner als zu Hause. Wenn „Fairytale“ geholfen hat, solche Vorurteile abzubauen, Offenheit zu fördern, Kontrollen zu unterlaufen, eine neue Sicht auf die Welt zu ermöglichen - all diese Ziele nennt Ai Weiwei im Film -, dann wurde das Ziel erreicht.

„Fairytale“ läuft während der Museumsnacht am Samstag, 21 Uhr, in der documenta-Halle im Kino unterhalb der Treppe.

Von Mark-Christian von Busse

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