Die Frankfurter Kunsthalle Schirn zeigt eine Ausstellung des französischen Malers George Seurat

Eine neue Art des Sehens

Aufgelöst in Lichtpunkten: Das Werk „Morgenspaziergang“, eine Studie für „Die Seine bei Courbevoie“ von 1885. Fotos: Schirn/nh

Frankfurt. Beim Eintritt in die Schau fällt der erste Blick auf den Eiffelturm. Unverwechselbar ist das markante Bauwerk. Und auch den Maler der kleinen Ölstudie können seine Fans sofort benennen - die so eigene Malweise gehört Georges Seurat. Über 65 Arbeiten das französischen Neo-Impressionisten sind in der Frankfurter Schirn zu sehen, eine feine und schlüssige Ausstellung, die den künstlerischen Lebensweg des 1859 in Paris geborenen Malers nachzeichnet.

Zehn produktive Jahre stehen im Zentrum der Schau, in denen Seurat eine neue Art des Sehens erfand. Die Ausstellung konzentriert sich auf kleine und mittlere Formate und überrascht mit wunderbaren kleinen Ölbildern, mit denen Seurat seine großen Arbeiten akribisch vorbereitete.

Für die Zeichnungen, die er zumeist mit dem „Crayon Conté“, einem weichen Kohlestift, anfertigte, suchte er seine Motive in den ländlichen Vororten von Paris, zeichnete Steinhauer und Gärtner, Schnitter und Ährenleser. Schon hier kündigt sich an, was später die Qualität seiner Bilder ausmacht: ein Flirt mit der Abstraktion, ungewöhnliche Perspektiven und eingefrorene Gesten.

Auch in filigranen Ölstudien hält er seine Eindrücke fest. Kleine Farbstudien sind es, die er - noch feucht - im Deckel seines Malkastens mit nach Hause nimmt. So erklärt sich auch deren Maß: 16 mal 25 Zentimeter, gerade passend in den Kasten des Malers, der seine Staffelei draußen aufbaut. Erst im Studio entstanden sind dann seine sorgsam komponierten Bilder, mit denen er sich innerhalb kurzer Zeit in Paris einen Namen machte.

Anfangs noch deutlich impressionistisch malend, fertigte Seurat seine Werke ab 1885 akribisch aus kleinen, nebeneinander angeordneten Farbtupfern an. Diese sollen sich auf der Netzhaut des Betrachters vermischen und so eine eigene Farbwelt entstehen lassen. Inspiriert von naturwissenschaftlichen Erkenntnissen hat Seurat diese Kunst entwickelt, den so genannten Pointillismus, der auch Kollegen wie Paul Signac inspirierte.

Zukunftsweisender noch als diese Technik aber ist seine kühle Ansicht auf Dinge und Menschen, seine nüchterne Art der Komposition. Eine Haltung, in der sich Abstraktion und Moderne ankündigen. Erstmals angedeutet in dem Sommerbild „Les Baignade, Asniéres“ (1883) und in Frankfurt schlüssig belegt mit mehreren seiner Ansichten aus Fischerorten in der Normandie, die er ab 1885 besuchte.

Aber auch die Welt der Varietés findet sich auf seinen späten Bildern. Prominentes Beispiel ist die Zirkusszene, mit der in Frankfurt der Rundgang schließt. Entstanden ist das kaleidoskopische „Le Cirque“ in den Jahren 1890 und 1891. Nur eine Woche, nachdem das Bild in Paris zu sehen war, starb der Künstler binnen weniger Tage an Diphterie.

Bis 9. 5., Schirn Kunsthalle, www.schirn.de, Katalog: Hatje Cantz Verlag, 152 S., 113 Abb. 39,80 Euro.

Von Gerd Döring

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