Eine Pleite wie im Märchen: Rapunzel beim Brüder-Grimm-Festival

Kassel. Dieser König ist so arm und hochmütig, dass er eine Lachnummer ist. Sein Geld hat König Edelhard von Trott zu Hottenstolz (Martin Rüegg) längst für Wein und Rapunzel-Salat ausgegeben. Sein Schloss ist verfallen und der Turm eingefallen.

Wenn ihm jemand widerspricht und er ihn in den Kerker werfen lassen will, kommt jedoch kein Wärter – der Pleite-König hat nicht mal mehr Personal.

Es geht alles andere als märchenhaft zu in „Rapunzel“, dem „haarsträubenden Musical“, das Michael Fajgel frei nach den Brüdern Grimm geschrieben hat. Und trotzdem ist das Stück, das nun beim Brüder-Grimm-Festival im Botanischen Garten eine gelungene Premiere feierte, eine Freude für Groß und Klein. Autor und Regisseur Fajgel erzählt das Stück wie eines der wahr gewordenen Märchen aus dem abgebrannten Euro-Land, die uns tagtäglich die „Tagesschau“-Sprecher vorlesen.

„Das goldene Zeitalter ist abgelaufen, wir müssen alles verkaufen“, stellt Königin Edelgard (Sabine Guth) angesichts des Minus von 14 500 Goldtalern fest und erbittet beim Zinsverleiher diese „neumodischen Eurobonds“ – erfolglos.

Brüder Grimm Festival: Rapunzel - Ein haarsträubendes Musical

Letzte Hoffnung des bankrotten Paares ist der englische Prinz Harold (Tim Müller), der auf Brautschau ist und dessen Mitgift das Haus sanieren könnte. Doch dem Duke of Hartford gefällt die verwöhnte Tochter Harmine (Christina van Leyen) nicht. Stattdessen verliert er sein Herz an Hansine, die hübsche Tochter des Rapunzelbauern (Annabelle Mierzwa).

Zwei Stunden lang führt die famose Inga Jamry als Erzählerin durch die kurzweilige und von Loreen Fajgel choreografierte Geschichte, die eine doppelte Premiere ist: Wegen der documenta ist das Brüder-Grimm-Festival von der Insel Siebenbergen in den Botanischen Garten umgezogen, wo die Musik zum ersten Mal nicht vom Band kommt. Komponist und Keyboarder Roland Oumard spielt die Lieder live mit einer fünfköpfigen Band.

Seine Lieder sind mal wehmütig, mal wird einfach nur gerockt, zudem zitiert er kenntnisreich die Pop-Geschichte mit Hits von den Monkees („Daydream Believer), den Kinks („Sunny Afternoon“) und Pink Floyd („The Wall“). Publikumslieblinge bei der mit 400 Zuschauern fast ausverkauften Premiere waren Tim Müller als Prinz Harold und Harald Tauber als dessen Knappe Hartwig Hartlepool. Beide sprechen ein ebenso niedliches wie lustiges Deutsch-Englisch. Statt „meine Wenigkeit“ heißt es bei ihnen „meine Kleinigkeit“, und wenn Mr. Hartlepool nichts kapiert, sagt er: „Ich verstehe nur noch Haltestelle.“

Apropos Bahnhof: Die Idylle des Botanischen Gartens muss sich vor der grandiosen Kulisse der Insel Siebenbergen nicht verstecken. Nicht einmal die Züge stören, die man ab und an von Weitem hört. Im Gegenteil. Als Christina van Leyen bei der Premiere ein berührendes Solo singt, tütet es im richtigen Moment. Es schien, als sei der Zug Teil der Band.

Von Matthias Lohr

Rubriklistenbild: © Malmus

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