„Red Bull Flying Bach“ im neuen Kolonnadensaal der Stadthalle

Headspin beim c-Moll-Präludium: Flying Steps tanzten in Kasseler Stadthalle zu Klängen von Bach

Nichts für Menschen mit Klassikdünkel: Impression der Breakdancer von „Red Bull Flying Bach“ bei der Probe im Kolonnadensaal der Stadthalle. Bei der Aufführung am Abend war das Fotografieren nicht erlaubt. Fotos:  Schachtschneider

Kassel. Dass Johann Sebastian Bach (1685-1750) groovt, ahnten schon seine Mitmenschen. Er sei jemand, der den Rhythmus in allen Gliedern hat, berichtet ein Zeitgenosse. So gesehen, passen Bach und die vierfachen Breakdance-Weltmeister Flying Steps besser zueinander, als Leute mit Klassikdünkel annehmen mögen. Aufsehenerregend wie intelligent war die Schau „Red Bull Flying Bach“ beim Kultursommer Nordhessen.

Das Spektakel sandte Botschaften an verschiedene Zielgruppen: Breakdance ist Kunst, und Bachs „Wohltemperiertes Klavier“ (hier Nummer 1 bis 12 aus dem ersten Band) kommt äußerst vital daher. Aber nicht nur das machte den Abend außergewöhnlich, denn es handelte sich um das erste Kulturereignis im neuen Anbau im Kasseler Stadthallengarten. Ein altersmäßig gemischtes Publikum aus 600 Zuschauern bewunderte im Kolonnadensaal die Flying Steps.

Immer wieder brandet Jubel auf. Zum ersten Mal, als ein Tänzer beim treibenden c-Moll-Präludium zum Headspin ansetzt. So heißt in der Fachsprache, die dem Klassikjargon in nichts nachsteht, das Drehen auf dem Kopf. Die Meister der fliegenden Schritte beherrschen die akrobatischen Kunststücke aus der Figurenlehre des Breakdance auf atemberaubende Weise. Und sie haben sich sehr genau mit dem Barockgenie beschäftigt. Choreograf Vartan Bassil formuliert im Programmheft den Anspruch: „So verkörpern wir eine Fuge Bachs aus ihrem inneren Aufbau heraus.“

Auch ein ewiges Thema ist in die getanzte Erzählung aufgenommen, und zwar das Verhältnis der Geschlechter: Sylvania Pen setzt mit Contemporary Dance den Kontrapunkt zu den sieben Breakdancern. Diplomatisch gelöst wird das leidige Thema der musikalischen Aufführungspraxis: mit dem Spiel auf dem modernen

Flügel (der künstlerische Leiter Christoph Hagel) wie auf dem Cembalo (Sabina Chukurova).

Starke Kontraste

Für starke Kontraste sorgen elektronisch aufbereitete Musiken. Außerdem kommen visuelle Effekte zum Einsatz, etwa eine Projektion in Zeitlupe bei der tiefschürfenden Fuge cis-Moll. Ein enorm reiches Crossover-Projekt. Und eine Utopie, in der unterschiedliche Welten zueinanderfinden. Nach dem Finale mit der berühmten Orgeltoccata BWV 565 spendet das Publikum minutenlang Ovationen.

Von Georg Pepl

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