Ein Ausgrabungsfund hat Ella Ziegler zur Schau im Kasseler Kunstverein inspiriert

Was eine Scherbe verrät

Tontaubenschießen und archäologische Funde: Ella Ziegler nähert sich Kasseler Geschichte auf unterhaltsame Art. Foto: De Filippo

Kassel. Eine einzige Tonscherbe steht im Mittelpunkt der aktuellen Ausstellung im Kasseler Kunstverein. Gefunden wurde das unscheinbare Stück 2007 bei einer Ausgrabung am Altmarkt, fünf Jahre später hat es die Künstlerin Ella Ziegler zu einem spannenden Kunstprojekt inspiriert.

Ohne Archäologie wüssten wir wohl nicht viel über unsere Vorfahren. Denn Fundstücke, die bei Ausgrabungen zu Tage kommen, berichten als stumme Zeugen von den Lebensumständen einer vergangenen Zeit. So auch in Kassel. Am Altmarkt wurden 2007 Reste einer neusteinzeitlichen Siedlung gefunden. Darunter die unscheinbare Scherbe, die Dr. Jürgen Kneipp, der die Ausgrabung leitete, als Befund Nr. 91 im Grabungsbericht vermerkte. Für die Schau im Kunstverein hat er Aufzeichnungen zur Verfügung gestellt. Sie dokumentieren, wo genau die Scherbe gefunden wurde.

Zudem zeigt eine Skizze eine typische Tonschale aus der Neusteinzeit. Eine wie sie wohl vor 6000 Jahren zu Bruch gegangen sein muss. Ella Ziegler, Professorin an der Kasseler Kunsthochschule, ließ eine Kopie dieser Schale anfertigen. Im Ausstellungsraum steht sie nun neben der Scherbe - wie ein seltsames Vorher-Nachher-Bild.

Nachdenklich machen zwei Fotografien, die ebenfalls zu sehen sind. Die eine zeigt, wie der Grabungsort am Altmarkt heute aussieht. Wo das Fragment der Tonschale gefunden wurde, befindet sich nun das Parkhaus des Finanzamts. Die Reste der Grabung - Steine und Erde - wurden im Habichtswald entsorgt und sind inzwischen von Pflanzen überwuchert. Geschichte wechselt den Ort. Einfach so.

Doch was verrät das tönerne Fundstück über die ersten Siedler? Was veränderte sich, als die Menschen sesshaft wurden? Auch damit hat sich Ziegler intensiv beschäftigt. „Die Siedler haben die Jagd aufgegeben und stattdessen Nutztiere gehalten“, erklärt die Künstlerin. Mit einem Tontauben-Wurfgerät fordert sie die Ausstellungsbesucher deshalb auf, den verlorenen Jagdinstinkt wiederzuentdecken. Positiver Nebeneffekt: Auf diese Weise werden neue Scherben produziert, die vielleicht in einigen Hundert Jahren Aufschluss über unser Leben geben.

Bis 25. Juni, Werner-Hilpert-Straße 23, täglich 18 bis 24 Uhr.

Von Pamela De Filippo

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