Eine sinfonische Ehrenrettung: Das Kasseler Karfreitagskonzert

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Wilhelm Furtwängler Foto: dpa

Kassel. Während Wilhelm Furtwängler (1886-1954) als Dirigent längst zur Legende wurde, ist er als Komponist so gut wie vergessen. Vermutlich hätte er sich selbst genau das Umgekehrte gewünscht, denn er sah sich vor allem als dirigierenden Komponisten. Doch nach dem Zweiten Weltkrieg schien seine Musik aus der Zeit gefallen. Furtwängler entsprach als Spätestromantiker so gar nicht dem nun angesagten Fortschrittsgedanken.

Die zweite Sinfonie in e-Moll von 1944/45 gehört zu den wenigen Werken Furtwänglers, die gelegentlich aufgeführt werden. Doch auch da scheint das Urteil festzustehen. Noch zu einer Einspielung mit dem Dirigenten Daniel Barenboim im Jahr 2002 schrieb ein Kritiker, die Sinfonie sei „schwer erträglich“, die „Melancholie des Unvermögens“ breche sich darin Bahn.

Vielleicht musste einfach noch mehr Zeit vergehen und ein Dirigent musste kommen, der bedingungslos an Furtwänglers Musik glaubt, um dem Werk zu der Anerkennung zu verhelfen, die es in Wahrheit verdient. Dies ist auf eindrückliche und berührende Weise im Karfreitagskonzert des Kasseler Staatsorchesters geschehen.

Yoel Gamzou (27), der junge Kasseler Erste Kapellmeister, glaubt nicht nur an Furtwänglers Musik, er scheint darin aufzugehen. Und so animierte er das Staatsorchester zu einem der spannendsten und gelungensten Konzerte der letzten Zeit. Oft sind die Vorbilder aufgezählt worden, denen sich Furtwängler verpflichtet fühlt. Bruckner, Brahms, Strauss, auch Mahler und sogar Wagner haben Spuren in seinem Werk hinterlassen, das dennoch niemals epigonal wirkt.

Im ersten Satz etabliert Furtwängler nach tastendem Beginn mit einem Fagott-Motiv (das Instrument taucht immer wieder an Scharnierstellen solistisch auf, hier gespielt von Patrick Liebich) eine sich steigernde sinfonische Dynamik, die in ihrer perfekten (und perfekt dargebotenen) Klanglichkeit fast euphorisierend wirkt. Doch es folgt - wie noch oft in diesem Werk - ein Abbruch, ein Innehalten, ehe sich ein neuer Gedanke entwickelt.

Man hat Furtwängler vorgeworfen, er führe seine thematischen Ansätze zu keinem Ziel. Wäre der Satz nicht zu abgegriffen, so müsste man antworten: Der Weg ist das Ziel - und hier ist es gleich eine Vielzahl interessanter Wege.

Formal ist Furtwänglers Sinfonie in drei etwa halbstündige Blöcke unterteilt, wobei der mittlere Block aus den ohne Pause gespielten Sätzen zwei und drei besteht. Unmöglich, all die thematischen Elemente und klanglichen Erfindungen anzusprechen, die hier eingeführt und formal so verarbeitet werden, dass nur wenige lose Enden übrig bleiben.

Entscheidend ist, dass dieses Werk, das auf Nebensächliches und Effekthascherei komplett verzichtet, die spätromantische klangliche Differenzierung auf eine vielleicht letzte Höhe führt. Nichts wirkt hier schwer, deutsch-mulmig, wie oft behauptet wurde. Selbst da nicht, wo Furtwängler ausgiebig die tiefen Klangwelten von Streichern und Bläsern auslotet. Gamzou und das in Bestform spielende Staatsorchester wirkten hier mit ihrer Interpretation als wahre Ohrenöffner.

Nicht zu bestreiten ist, dass Furtwängler im Finalsatz an Grenzen stößt. Nicht nur wegen einiger Längen. Auch der gewaltsame, mehrfach ansetzende Dur-Jubel am Ende ist wohl nur zu begreifen als ein trotziges „Dennoch“ des Künstlers angesichts der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs.

Am Ende des Konzerts, das mit einem Bach-Choral zu Ehren des jüngst verstorbenen Orchestergeigers Kohe Suzuki begonnen hatte, dankte das Publikum in der ausverkauften Stadthalle mit langem Applaus und Bravos.

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