Eine Stimme wie ein Orchester: Youn Sun Nah im Kulturzelt

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Forderte volle Konzentration: Die Sängerin Youn Sun Nah im Kasseler Kulturzelt.

Kassel. Staunend bleibt einem der Mund offen stehen. Minuten später wässern sich die Augen vor Rührung. Die koreanische Jazzsängerin Youn Sun Nah riss ihr begeistertes Publikum beim Konzert am Mittwochabend im dreiviertelvollen Kasseler Kulturzelt in Gefühlsextreme.

Mit ihrer Wahnsinnsstimme, ihrer Expressivität, ihrer Vokalakrobatik - und mindestens ebenso mit ihrer bezaubernd-süßen Ausstrahlung. Dass aus diesem zierlichen Persönchen so viel Musik herauskommen kann: unglaublich. Youn Sun Nah singt, scattet, brummt, gackert - und intoniert stimmlich ein ganzes Sinfonieorchester. Ihre beschwörenden Hände erzählen dazu eine Gestengeschichte.

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Diese Konzert-Kritik wurde auf der Facebookseite der Sängerin verlinkt und ins Englische übersetzt. Lesen Sie hier mehr.

In endlosen Tonschleifen, präzise angesetzt, fein moduliert und in schwindelnden Höhen rast sie durch Titel wie „Momento Magico“. Immer wieder lässt sie durchblicken, dass sie auch mal einen Moment Bammel hat, ob die Atemkraft reicht. Das macht die Perfektion desto sympathischer. Im Countryklassiker „Ghost Riders in The Sky“ lässt sie erst akustisch Bisons durchs Zelt trappeln und dann ein düsteres „Yippieayyeah“ untypisch sanft verwehen. Virtuos und expressiv steht ihr Bühnenpartner, der schwedische Gitarrist Ulf Wakenius, ihr in nichts nach. Absolut gleichberechtigt hat er seinen künstlerischen Platz und liefert sich Tonkaskaden-Duelle mit der Sängerin.

Artistischer Stimmeinsatz ist das eine, worin es Youn Sun Nah zur Meisterschaft gebracht hat. Wakenius und sie beherrschen aber auch den weit ausschwingenden Phrasenaufbau, die Kunst, dem Raum zwischen den Tönen Spannung zu geben. Auch deshalb herrscht im Zelt über 90 Konzertminuten atemlose Konzentration im Publikum. Die sich so entwickelnden fein gespannten Liedbögen bezaubern fast noch mehr als die Vokalartistik.

Youn Sun Nah hat Mut (und verfügt über die Technik) zum Pianissimo, zum fast unhörbaren Hauchen. Ergreifend ihre zerbrechliche Version des Musicalklassikers „My Favourite Things“, den sie von Bombast entkleidet, verlangsamt und nur mit einer Kalimba, einem Daumenklavier, begleitet. Mit „Arirang“ präsentiert sie - melodisch weich und volltönend - ihre Version eines koreanischen Volkslieds, und ohne, dass man den Text versteht, vermittelt sich die tiefe Traurigkeit des Liebeslieds. In einer kurzen koreanischsprachigen Kommunikation freut sie sich über Landsleute im Publikum: „Wir sind überall.“

Mit Randy Newmans „Same Girl“ endet der Abend poetisch. Youn Sun Nah begleitet sich nur mit einer Spieluhr, kurbelt die Töne zum Gesang aus dem Kästchen. Und welche Freude ist es, selbst dem Verklingen zu lauschen.

Kulturzelt am Freitag, 19.30 Uhr: Tindersticks.

Von Bettina Fraschke

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