Neuinszenierung von Lorenzo Fioroni

Turbulente Maskerade: Sängerisch toller „Rosenkavalier“ in Kassel

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Spiel mit den Geschlechterrollen: Celine Byrne (links) als Marschallin und Maren Engelhardt als Octavian.

Kassel. Im „Rosenkavalier“ spricht die Marschallin selbst aus, worum es sich handelt: um eine „wienerische Maskerade“. Was passiert, wenn man dies wörtlich nimmt, zeigt Lorenzo Fioroni am Kasseler Staatstheater in seiner Neuinszenierung der Genieoper von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal.

Wer tummelt sich da im Himmelbett hinter Vorhängen? Bühnenbildner Paul Zoller stellt es in ein riesiges, rosengeschmücktes Gemach. Es ist das Spielzimmer der Marschallin und ihres jungen Geliebten Octavian - oder ist es ihre Geliebte? Ein kleiner Schnäuzer scheint die Antwort zu geben, doch dann reißt Octavian ihn sich ab ...

Im zweiten Akt erscheint der Rosenüberbringer Octavian als verlegener junger Kavalier. Ist aber sein Auftritt im dritten Akt als erotisch aufgemotzte Zofe Mariandel (Kostüme: Sabine Blickenstorfer) wirklich nur Verkleidung - wenn er/sie doch mit dem Kommissar ins Himmelbett verschwindet?

Ebenso wie mit den Geschlechterrollen (die Lakaien der Marschallin tragen Frauenkleider) spielt Fioroni virtuos mit den übrigen Zutaten dieser „Komödie für Musik“ und spitzt sie zu. Wiener Rokoko? Das wird zu französischem Hochbarock, der Landbaron Ochs ist ausstaffiert wie ein kleiner Sonnenkönig. Die Perücken der Damen erreichen Turmhöhe.

Feldmarschallin: Celine Byrne

Baron Ochs auf Lerchenau: Friedemann Röhlig

Octavian: Maren Engelhardt

Herr von Faninal: Marian Pop

Seine Tochter Sophie: Lin Lin Fan

Die Duenna: Jaclyn Bermudez

Valzacchi: Bassem Alkhouri

Annina: Belinda Williams

Kommissar: Abraham Singer

Haushofmeister der Marschallin: Tobias Hächler

Haushofmeister Faninals: Hyunseung You

Notar: Dieter Hönig

Sänger: Paolo Paolillo

Drei Waisen: Anna Sorokina, Barbara Kuznetsova, Sabine Roppel

Modistin: Ann-Christin Förste

Tierhändler/Wirt: Seong Ho Kim

Lakaien: Sebastian Meder, Bernhard Modes, Dong Kun Kim, Henning Leiner

Kellner: Ovidiu Weinschenk, Dong Kun Kim, Samuel Bak, Michael Boley

Hausknecht: Yi Hyung Lee

Automaten: Arthur Haas, Sini Mantere, Shiroma Trautmann.

Wie künstlich alles ist, zeigen Automatenmenschen: Der schwarze kleine Diener rollt im Elektrorollstuhl herein, die Marschallin hat ein mechanisches Double und ihr (abwesender) Ehemann erscheint als riesige Aufziehfigur. Dass ihr der Verlust des Geliebten das Herz herausreißt: Hier wird’s gezeigt.

Nach zwei Akten Tumult auf der Bühne geht es dann etwas eher ans Abräumen: Während des dritten Akts im Wirtshaus werden die Bühnenaufbauten weggetragen. Das Spiel ist eigentlich aus, überschlägt sich bei der rasanten Bloßstellung des Barons aber noch mal auf komödiantische Weise.

Leider gerät das Ende etwas flau: Ein Film zeigt Soldaten, die drei Jahre nach der Uraufführung 1911 in den Krieg ziehen. Dann entledigen sich die Darsteller noch im Stück ihrer Kostüme - ein abgenutztes Bild. Die Schlusspointe jedoch ist genial: Die Marschallin, die so anrührend vom Vergehen der Zeit gesungen hat, verlässt die Bühne am Stock - als alte Frau.

Fest der Stimmen

Während die Inszenierung gegen Ende etwas an Schwung verlor, hielt die Premiere musikalisch ihr hervorragendes Niveau bis zum Schluss. Maren Engelhardt als Octavian und Lin Lin Fan als Sophie sangen das Schlussduett „Ist ein Traum“ fast in Vollendung - als finale Steigerung zum vorangegangenen Terzett mit der ebenfalls wunderbaren Marschallin Celine Byrne. Ihre drei Stimmen verbanden sich zu einem herrlich abgetönten Gesang.

Ein großes Vergnügen sind die stimmliche und darstellerische Variabilität und der komödiantische Witz, die Maren Engelhardt bei den Verwandlungen des Octavian ausspielt. Gaststar Celine Byrne, hier eine zur Depression neigende Marschallin, macht ihre Reflexion über die Vergänglichkeit zu einem großen Opernmoment.

Wenn der erotisch aufgeladene Baron Ochs auf Lerchenau nicht schon die Zentralfigur des „Rosenkavaliers“ wäre, dann hätte ihn Friedemann Röhlig dazu gemacht. Sängerisch souverän, mit voluminösem, farbenreichem Bass verkörpert er einen eher witzigen als grobschlächtigen Ochs.

Die Hauptdarsteller krönten eine bis in die Nebenrollen feine Ensembleleistung. Der musikalische Lorbeer aber gebührt dem Dirigenten Patrik Ringborg. Er animierte das Staatsorchester zu einem äußerst farbigen und transparenten Spiel. Der walzerselige, der dramatische, der überschäumende und der kontemplative Strauss - sie gingen eine nahezu ideale Verbindung ein. Erfreulich wirkte sich auch die durch den Opernhaus-Umbau verbesserte Akustik aus. Orchester und Solisten klingen sowohl voluminöser als auch ausgewogener.

Am Ende ernteten Solisten und Dirigent den größten Beifall im nicht ganz ausverkauften Opernhaus. Für die Regie gab es ein paar zaghafte Buhs.

Wieder am 19. und 26.10., Karten unter Telefon  0561/1094-222. 

Von Werner Fritsch

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