Mit einem Kummer leben: Hartmut Radebold stellte in Vellmar sein neues Buch vor

Prof. Dr. Hartmut Radebold Foto: privat/nh

Vellmar. Ein Wissenschaftler nimmt sein eigenes Leben unter die Lupe. Hartmut Radebold, 80 Jahre alt, ist nicht nur der Begründer der Alterspsychotherapie. 

Der Arzt, Psychoanalytiker und langjährige Kasseler Hochschullehrer hat sich auch in zahlreichen Publikationen mit dem besonderen Schicksal der Kriegskinder befasst, jener Generation, in deren frühe Kindheit jäh der Zweite Weltkrieg einbrach.Jetzt hat Radebold, der bei Kriegsbeginn vier Jahre alt war, seine eigene Geschichte aufgeschrieben – „Spurensuche eines Kriegskindes“. Am Dienstag stellte er das vor Kurzem erschienene Buch im Vellmarer Büchereck am Rathaus vor. Kein Platz war frei geblieben – und das lebhafte Gespräch nach der Lesung zeigte, wie groß das Bedürfnis ist, über die Problematik der Kriegskinder zu sprechen.

Eine der schwerwiegendsten Erfahrungen Radebolds war der frühe Verlust des Vaters. Die „Suche nach Männern“, nach Vaterersatz in der Schule und an der Universität, der Mangel an Rollenvorbildern und Schutz gewährenden Menschen haben sein Leben lange Zeit bestimmt – ebenso wie die fehlende Möglichkeit, sich von einer Vaterfigur abzugrenzen. Eine andere prägende Erfahrung, von der Radebold berichtete, war die extreme physische Kälte auf der Flucht, eine Kälte, die ihn als „inneres Frieren“ sein Leben lang begleitet hat.

Doch Radebold stellte auch die Frage nach den Ressourcen, die es ihm ermöglichten, eine eindrucksvolle wissenschaftliche Karriere zu machen, ein über Jahrzehnte glückliches Ehe- und Familienleben zu führen. Es war ein berührender Moment, als Radebold seine Ehefrau Hildegard als das große Glück und die entscheidende Stütze in seinem Leben benannte.

Radebold ist mit seinem Buch ein schwieriger Spagat gelungen: Er schreibt sehr persönlich und bisweilen mit schonungsloser Offenheit über seine frühen Erfahrungen und deren spätere Folgen. Doch die nüchterne Sprache und seine beobachtende Haltung im Stile einer Selbstanalyse sorgen dafür, dass daraus keine Nabelschau wird. Stattdessen hilft der Autor sowohl Betroffenen als auch Nichtbetroffenen zu verstehen, mit welchem „Kummer“ – so seine Formulierung – sich Kriegskinder zeitlebens auseinanderzusetzen haben.

Hartmut Radebold: Spurensuche eines Kriegskindes. Klett-Cotta, 207 S., 18,95 Euro.

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