Volker Hesses enttäuschende Adaption von Julia Francks „Die Mittagsfrau“ am Deutschen Theater Göttingen

Einem Stück geht die Luft aus

Eine der betroffen machenden Szenen: Helene Würsich (Katharina Heyer) mit ihrem Sohn Peter (Moritz Bracher). Foto: Winarsch

Göttingen. Helene steht am Bühnenrand. Mit blassem Gesicht hüllt sie sich in ihren großen, schwarzen Mantel, zieht ihre Schultern zusammen. Die Frau mit den blonden Haaren legt ihre Arme vor dem Körper zusammen. Das gibt ihr Schutz gegen die Welt und die Vorwürfe ihres Nazi-Ehemannes.

Nicht hinhören, sich nach innen ziehen. Helenes zitternde Hand streichelt ihren Arm. Aushalten. Später wird diese gedemütigte Frau auch keine Kraft mehr zur Liebe haben. Beim Flüchtlingstreck nach Westen wird sie ihr Kind verlassen und einfach weggehen.

Am Deutschen Theater Göttingen, wo Regisseur Volker Hesse zusammen mit der Dramaturgin Winnie Karnofka den preisgekrönten Roman „Die Mittagsfrau“ von Julia Franck für die Bühne bearbeitet und zur Uraufführung gebracht hat, ist alles laut und schnell. Hesse taucht mit Verve in die fast dreistündige Rückblende ein. Eine Mutter verlässt ihr Kind. Wie kann so etwas geschehen?

Auf der Bühne zeigt die mobile Trennwand textbegleitende Bilder, morbide Impressionen, zerrissene Gesichter. Totengräber tanzen mit Krankenhausbetten zu den Klängen der Goldenen Zwanziger. Die Welt auf dem Vulkan, und die selbstbewusste, mutige Helene begegnet Carl von Wertheim. Diese Liebe ist wie ein Anspringen, ein großes Einswerden. Beide taumeln bei ihren Sprüngen auf dem Trampolin in eine Zukunft, die es nicht gibt. Carl stirbt bei einem Unfall, und die Jüdin Helene heiratet den ungeliebten Wilhelm als Tauschgeschäft für arische Papiere.

Nach der Pause breitet der Regisseur ein Panoptikum an Grausamkeiten und Schmerz immer detailverliebter aus. Wilhelm erobert im Bett Helenes Körper wie ein feindliches Land, bei der Geburt ihres Sohns schreit sie so laut, als wolle sie das Kind hindern, auf die Welt zu kommen. Es ist schon seltsam, wie hier am DT einem fulminanten Stoff, den Julia Franck ja mit kühler, sezierender Sprache geschrieben hat, mehr und mehr die Luft ausgeht an einem Zuviel an Regiestilen, an zu überdeutlichen Bildern, an zu schnellen Schnitten. Theater hätte da andere, stillere Möglichkeiten, Schattenseiten zu transportieren. Hier aber verdichtet sich nichts, bleibt alles vordergründig, nur eine Behauptung.

Helene hat keine Worte mehr für diese Welt. Als sie geht und ihren Sohn allein lässt, schließt sich die Rückblende. Auf dem Bett begegnen sich das allein gelassene Kind und sein älter gewordenes Ich, das sich zu Beginn in einem langen Monolog an sein unglückliches Leben erinnert hat. Beide sitzen sie da im Matrosenanzug, halten mit ihren Händen die Reisekoffer umklammert und haben leere Augen. Auch dies eine der wenigen betroffen machenden Sequenzen an einem zu lauten Theaterabend. Freundlicher Applaus.

Die Mittagsfrau: Nächste Aufführungen am 18., 22. und 26. Oktober. Karten: 0551/496911.

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