Techno-Musiker Paul Kalkbrenner: "Deutschlands unbekanntester Superstar"

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Ist immer unterwegs: Paul Kalkbrenner als DJ Ickarus mit Rita Lengyel in Hannes Stöhrs Musikfilm „Berlin Calling“, der seit 145 Wochen im Kino läuft.

Im Kofferpacken ist Paul Kalkbrenner nicht zu schlagen. Bevor der Berliner Techno-Musiker zu einem seiner Auftritte in London, Detroit und sonstwo auf der Welt reist, packt er stets vier T-Shirts, vier Paar Socken, vier Unterhosen und seinen Laptop in einen Alukoffer.

Mehr braucht Paul Kalkbrenner nicht für seine Reisen. Mit der Wäsche polstert er den Rechner.

Allein 2009 hat der 34-Jährige dies vor 142 Shows getan. Das ist nicht die einzige beeindruckende Zahl im Leben des gebürtigen Leipzigers. 150 000 Kinozuschauer sahen Hannes Stöhrs Kultfilm „Berlin Calling“, in dem Kalkbrenner einen drogenabhängigen DJ, aber auch sich selbst spielt. Bei Facebook hat er eine der zehn populärsten deutschen Seiten und mit mehr als 1,1 Millionen Freunden mehr als doppelt so viele wie Lena Meyer-Landrut.

Mit seinem nun erschienenen Album „Icke Wieder“ gibt es einen neuen Superlativ: Gleich zweimal spielt er an diesem Wochenende in der ausverkauften Berliner Wuhlheide. Trotzdem weiß man kaum etwas über „Deutschlands unbekanntesten Superstar“.

Das liegt vielleicht auch an seiner Musik, die keine Single-Hits liefert und so funktioniert wie das Kofferpacken: Um die minimalistischen Beats der zehn Instrumentalstücke von „Icke Wieder“ wickelt Kalkbrenner nur ein paar sanfte Grooves und einprägsame Melodien. Das klingt nach zurückgehaltener Ekstase. „Ich mag nicht so viel Remmidemmi“, sagt er unserer Zeitung.

Zuletzt hat Kalkbrenner mehrmals die Techno-Metropole Berlin kritisiert, in dessen Ostteil er aufwuchs und die nun zum Mallorca der Szene verkommen ist, wie er meint. Das klingt ein bisschen komisch, weil der ehemalige Undergroundheld, dessen Bruder Fritz ebenfalls als DJ erfolgreich ist, erst durch den Tourismus der Elektronikkultur zu einem Weltstar geworden ist.

Auch als DJ Ickarus jettete er in „Berlin Calling“ durch die Welt. Eigentlich sollte er nur den Soundtrack beisteuern, dann aber fragte Regisseur Stöhr ihn, ob er nicht selbst die Hauptrolle spielen wolle. Der Held landet in der Psychiatrie, wo er weiter an seinen Tracks bastelt. Die Hälfte sei wie im echten Leben, sagt Kalkbrenner: „Der glaubt genauso an seine Musik wie ich, aber in einer Klinik war ich noch nie.“

Seine neuen Songs, die Nonsens-Namen wie „Böxig Leise“ und „Des Stabes Reuse“ tragen, hat er ganz allein aufgenommen: „Ich brauche Stille. Am besten legt sich eine Staubschicht auf meine Gedanken.“

In seiner Wohnung in Mitte muss er weder Staub putzen noch aufräumen. Als er dorthin umzog, passten alle seine Sachen in ein Taxi. Das Zimmer war bereits möbliert. „Ich möchte nichts besitzen“, sagt Kalkbrenner, dessen Freundin dafür Verständnis hat: Sie ist selbst Techno-Musikerin. Es ist aber nicht ausgeschlossen, dass die beiden irgendwann Kinderlieder mit 120 Beats pro Minute unterlegen. Ein Leben mit Familie und Kindern kann sich Kalkbrenner schon vorstellen. Nur bräuchte er dann einen Extrakoffer für die Windeln.

Paul Kalkbrenner: Icke Wieder (Paul Kalkbrenner Musik /Rough Trade). Wertung: !!!!:

Paul Kalkbrenner tritt am 22. Oktober in der Lokhalle Göttingen auf. Tickets: 0561/203-204, www.hna-kartenservice.de

Von Matthias Lohr

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