Katja Kessler beschreibt in ihrem Bestseller „Silicon Wahnsinn“ ihren Familien-Alltag in Kalifornien

Einen Yoga-Lehrer gefrühstückt

Selbst im Nebel schön: Die Golden-Gate-Brücke ist das Wahrzeichen von San Francisco nahe des Silicon Valley. Fotos: dpa

Amerika ist die Beize, die deinen Charakter freilegt“, schreibt Katja Kessler in ihrem amüsanten Bestseller „Silicon Wahnsinn –Wie ich mal mit Schatzi nach Kalifornien auswanderte“. Und das ist auch der Fokus der Zahnärztin, Erfolgsautorin („Das Schatzi-Experiment“) und Ehefrau von Kai Diekmann, Gesamtherausgeber der „Bild“-Gruppe.

Rund ein Jahr lebte sie mit ihren vier Kindern in Palo Alto nahe San Francisco. Hier, im Silicon Valley, schlägt das Herz der Computer- und Softwareindustrie, hier werden die Trends und Produkte unserer Zukunft entwickelt. Diekmann war mit Kollegen dort auf Forschungsreise. Um allzu langer Papi-Abstinenz zu entgehen, kam die Familie mit, bezog aber ein Quartier ohne den Herrn Gemahl, den Kessler als literarische Figur Schatzi nennt.

Von Schatzi erfahren wir trotzdem einiges Privates, etwa, dass er gern Fleischwurst mit Löwensenf aus dem Kühlschrank nascht und es perfektioniert hat, absolute Mithilfe-Bereitschaft in Haushaltsdingen zu simulieren bei minimalem Mithilfe-Einsatz.

Die 45-Jährige schreibt wirklich witzig, hat einen eigenen Erzählton: sprachverliebt, mit viel Selbstironie (Jeans für das perfekte „Demnächst-Ich“, Gesülze heißt hier „akustisches Perwoll“). Es macht Freude, die sorgfältig durchformulierten 439 Seiten zu lesen, die sich qualitativ durchaus von vergleichbarer Frauen-Unterhaltungsliteratur abheben, auch wenn sie die genreüblichen Tricks, die Leserinnenschaft kennerisch in Eheprobleme einzubeziehen, natürlich beherrscht.

Trotzdem enttäuscht es, wie wenig Kessler hinter die Kulissen blickt. Mit nur etwas mehr Recherche und Reinknien hätte dies ein ebenso locker-unterhaltsames Porträt der amerikanischen Gesellschaft in jener merkwürdigen kalifornischen Nerd-Welt werden können. Oder dortige Menschen und ihre Sorgen näherbringen können. Nichts dergleichen.

„Silicon Wahnsinn“ erzählt lediglich vom ganz normalen Familienalltag mit vier Kindern – zu dem als besondere Herausforderung die neue, gewöhnungsbedürftige Umgebung kommt. Es geht also auf über 400 Seiten zumeist um Wäscheberge, Supermarkt, kaputte Heizung. Das leben besteht aus Kinder zur Schule bringen, Kinder krank, Kinder bekommen Haustiere, Oma kommt zu Besuch.

Dazu kommt Ironisches wie beim Museumsbesuch mit schicken Chanel-Ladys, neben denen sie sich als „in die Jahre gekommene Ausgabe von Ronja Räubertochter“ fühlt. Und hübsche Alltagsbeobachtungen: „Kalifornier fahren ja gern, als hätten sie einen Yoga-Lehrer gefrühstückt“.

Katja Kessler: Silicon Wahnsinn, 448 S., Schröder, 14,99 Euro, Wertung: !!!::

Von Bettina Fraschke

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