Das Aktionstheater Kassel feierte mit dem Stück „Plumpsack“ erfolgreich Premiere

In einer anderen Welt

Szenen einer psychischen Erkrankung: Im berührenden Stück „Plumpsack“ spielten Kate Fierley (Dwini), Stephanie Hecht (Mutter), Karin Hoffmann (Bujo), Gerrit Mosig (Arrx) und Michael Werner (Casimir). Foto: Zgoll

Kassel. Es ist Nacht. Unscharf sind die Konturen von vier Kinderbetten zu erkennen. Eine Gestalt huscht hinein, beugt sich der Reihe nach über die Schlafenden, verteilt flüchtige Küsse und verschwindet wieder. Es ist die Mutter. Doch der idyllische Schein trügt.

Sie lebt zwar mit ihren Kindern zusammen, aber emotional von ihnen getrennt. Sie lebt in ihrer eigenen Welt. In jener Zeit, als der Vater der Kinder noch lebte und die Kinder so klein waren wie die Puppen, die sie heimlich an ihre Brust drückt und sich dabei einbildet, sie säuge ihre Babys.

Nur verrücktes Kichern und Ohrfeigen bleiben für ihre realen Kinder. „Plumpsack“ heißt das Stück der Autorin Katharina Schlender. Im Jahr 2000 erhielt es den Baden-Württembergischen Jugendtheaterpreis.

Helga Zülch inszenierte es für das Aktionstheater Kassel. Am Samstag wurde die Premiere im Dock 4 mit lang anhaltendem Applaus gefeiert. Die Aufführung bedrückt, berührt und fasziniert. Eine Mutter, die ihre Kinder nicht mehr wahrnimmt. Psychisch krank, glücklich nur in ihrer Welt der Erinnerungen, gewalttätig. Die Kinder können sich dagegen nicht wehren.

Ihr Aufbegehren gleicht einem Schrei unter der Bettdecke. Ventile werden gesucht, der Moralkodex wird bewahrt: „Eine Mutter schlägt man nicht.“Die Angst, vom Plumpsack geholt zu werden, geht um. Die Wut entlädt sich über die Puppen: „Ihr habt Mutter zum Weinen gebracht.“

Bruchstücke der Sprache

Eines der Kinder will „ein Adler sein“ und zum verstorbenen Vater fliegen. Auch die Kommunikationsversuche sind erfolglos. Die Sprache der Kinder ist von kindlicher Bruchstückhaftigkeit. Alle Versuche, die Mutter zu erreichen, scheitern. Laut und stürmisch könnte das inszeniert werden - sensibel und berührend hilflos sind die Figuren in Helga Zülchs Inszenierung. Spielerisch leicht schweben sie über ihren Abgründen und Ängsten.

Die Darsteller spielen großartig. Das Bühnenbild ist puristisch nüchtern. Betten, Nachthemden, ja auch die riesige Stellwand, die den Raum teilt, ist weiß. Sanatoriumsweiß, könnte man sagen. Mehr soll an dieser Stelle nicht verraten werden. Fazit: Starkes Theater.

Weitere Aufführungen am 10., 11., 12., 18., 19., 25. und 26. Januar, immer 19.30 Uhr, Dock 4, Karl-Bernhardi-Straße, Karten: Tel. 0561/773142, www.aktionstheaterkassel.com

Von Steve Kuberczyk-Stein

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