Drei Gründe, warum man Leo Tolstoi lesen sollte, der heute vor 100 Jahren starb

Vom einfachen Leben

Abkehr vom Wohlstand: Leo Tolstoi. Foto: Picture-Alliance

1Seine großen Romane sind zeitlos.

Zwei monumentale Romane waren es vor allem, die Leo Tolstoi weltberühmt machten und in viele Sprachen übersetzt wurden: „Krieg und Frieden“ (1869) und „Anna Karenina“ (1878). Beide entstanden, als er auf der Höhe seines Ruhms war, aber noch vor der großen Wende in seinem Leben, der Abkehr von Wohlstand und Erfolg und der Hinwendung zum einfachen Leben nach den Prinzipien der Bergpredigt.

Das gewaltige vierbändige Panorama Russlands zur Zeit der Napoleonischen Kriege, geschildert anhand des Lebens dreier Familien, und die tragische Liebesgeschichte, die viele Jahrzehnte später Greta Garbo eine ihrer größten Filmrollen bescheren sollte, fesseln auch heutige Leser durch ihren Realismus und die eindringliche Zeichnung der Figuren.

Allem zugrunde liegt die Suche nach Wahrheit, Gerechtigkeit und nach dem Sinn des Lebens. Von den 90 Bänden der Gesamtausgabe ist sicherlich vieles überholt, insbesondere die sozialkritischen und moralisch-theologischen Schriften. Aber auch das erste, dreibändige Werk „Kindheit“ (1852), mit dem Tolstoi seinen Durchbruch hatte, „Die Kreutzersonate“ (1890) oder „Auferstehung“ (1899) haben in der Rückschau ihren Wert nicht verloren.

2Sein Einfluss reicht bis in die Gegenwart.

Kaum zu überschätzen ist der Einfluss Tolstois auf nachfolgende Schriftstellergenerationen in der ganzen Welt. Im 20. Jahrhundert war es vor allem Thomas Mann, der sich dazu bekannte, viel von Tolstoi gelernt zu haben. Aber auch amerikanische Autoren wie Ernest Hemingway und John Dos Passos sowie Vladimir Nabokov haben ihm viel zu verdanken. Selbst ein Lyriker wie Rilke zeigt sich tief beeindruckt von einer Begegnung mit dem russischen Jahrhundertschriftsteller.

3Tolstoi war seiner Zeit voraus.

Der große russische Romancier, der den ihm angetragenen Nobelpreis ablehnte, war einer der ersten Umweltschützer, der in vielen Publikationen vor dem Raubbau an der Natur warnte. Außerdem kümmerte er sich um Reformschulen für Bauernkinder nach den Ideen Rousseaus, deren Nachwirkungen bis zu dem Freien Schulen wie Summerhill reichen.

Tolstoi rief auf zu Gewaltverzicht im Sinne Gandhis, dessen Vorbild er wurde, und wandelte sich zu einem urchristlich motivierten Sozialisten, der die beginnende Industrialisierung ablehnte. Er verzichte auf seinen Besitz und wurde zum „Aussteiger“, der als Bauer unter Bauern leben wollte. Seine Ideen gelten als Wegbereiter für die russische Revolution von 1905. Überliefert ist ein Zitat Lenins im Gespräch mit Gorki: „Vor diesem Grafen hat es keinen echten Bauern in der Literatur gegeben.“

Von Claudia v. Dehn

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