Mit Haussperlingen an den Hindukusch: Dokumentation „Der Tag des Spatzen“ in Kassel - Regisseur zu Gast

Vom Einfluss des Militärischen

Kanonen auf Spatzen: Szene aus dem Film. Foto:  nh

Was hat der Krieg in Afghanistan mit dem Leben von Spatzen in Deutschland zu tun? Philip Scheffler hat zu dieser Frage einen politischen Film gemacht, den er gedreht hat wie eine ornithologische Vogelbeobachtung. „Der Tag des Spatzen“ beschäftigt sich mit der Militarisierung Deutschlands, und mit der Frage, ob Deutschland in Afghanistan eigentlich im Krieg ist.

Zwei Zeitungsmeldungen erregten im Herbst 2005 die Aufmerksamkeit des Filmemachers. In den Niederlanden wurde ein Spatz erschossen, weil er in einer Halle 23 000 Dominosteine umwarf, die für eine Fernsehsendung aufgebaut worden waren. In Kabul starb am selben Tag ein deutscher Soldat durch einen Selbstmordattentäter.

Scheffler suchte die Orte auf, wo in Deutschland Vogelschutzgebiete und Bundeswehrtrainingscamps nebeneinanderliegen. Er filmte Vögel, die sich in Stadtlandschaften arrangieren, einen Spatzen, der immer wieder gegen eine Fensterscheibe donnert. Zwei Jahre lang versuchte er beim Verteidigungsministerium und bei der Bundeswehr, eine Dreherlaubnis zu bekommen, wurde aber abgeschmettert.

Das Vorlesen der Ablehnbriefe und die Fetzen von Gesprächen mit Freizeitpiloten, Campinglatzbesuchern oder Vogelforschern bilden die Tonspur zu den idyllischen Naturbildern. Zu sehen sind die Gesprächspartner nicht, Namen oder Funktionen werden auch nicht eingeblendet - erst im Abspann.

In minutenlangen Einstellungen blickt man vielmehr in Wald und Flur, auf Fluss oder See. Vögel baden, fliegen auf, kreisen. Und immer wieder zerreißt der Lärm von Kampfflugzeugen die Stille.

Das stilistische Prinzip ist eigenwillig und nicht unspannend. Für ein politisch-journalistisches Projekt ist aber der Umgang mit den Quellen zu zufällig. Viele Sätze lang Briefe mit untrainierter Sprechstimme aus dem Off vorzulesen, ist in der Rezeption anstrengend. Die Frage, ob Deutschland im Krieg ist, wird von Zufallsbegegnungen nach deren Bauchgefühl beantwortet - das ist etwas wenig Analyse für den eigenen Anspruch. Wahrscheinlich wäre für „Der Tag des Spatzen“ nicht ein Film die angemessene Form (zumal eine fortschreitende Entwicklung ohnehin nicht erkennbar ist), sondern eine Multimediainstallation, die besser ermöglicht hätte, auch die nicht-filmischen Recherchematerialien einzubinden.

Der Film läuft vom 27. Mai bis 1. Juni, 19 Uhr, im Filmladen, am Freitag, 28.5., ist Regisseur Philip Scheffler dort zu Gast. Filmladen, Goethestr. 31, Tel. 0561-7076422.

Von Bettina Fraschke

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