Die Apparat Band forderte das Publikum im Kulturzelt mit ihrem sphärischen Mix aus Elektro und Pop

Eingesperrte Ekstase

Entrückt: Sascha Ring alias Apparat war ganz versunken in seinen sphärischen Elektropop und suchte im Kulturzelt nur selten den Publikumskontakt. Foto:  Schachtschneider

Kassel. Sascha Ring kennt sich aus mit Ekstase. Als Techno-DJ Apparat schickt er mit seinen Beats die tanzenden Elektrokinder in höhere Sphären. Doch der 33-Jährige kann auch die Fast-Ekstase, das Spiel aus Locken und Zurückweisen, Warten lassen und Überrennen.

Bei seinem Konzert im Kasseler Kulturzelt spielte Ring mit der fünfköpfigen Apparat Band eine melancholische Verflechtung aus elektronischer und akustischer Musik mit Gitarre und Streichern. Immer mit lauernden Beats und Bässen im Hintergrund, aber nie ganz entfesselt und nie berechenbar.

Obwohl die Konzerte der Musiker in Berlin schon Monate im Voraus ausverkauft sind, war das Kulturzelt am Mittwoch nur gut zur Hälfte gefüllt. Die meisten, die kamen, waren jedoch offensichtlich Apparat-Anhänger – bereit, sich in die Musik und Sascha Rings ätherischen und zuweilen anstrengenden Falsett-Gesang fallen zu lassen.

Apparat-Konzerte sind trotz aufwendiger Lichteffekte keine Shows im eigentlichen Sinne. Es gibt keinen Spannungsbogen mit den Hits zum Schluss und keine springende Menge. Auch die Kommunikation mit dem Publikum beschränkte sich mit einigen „Danke euch“-Floskeln auf ein Minimum.

Eher ist es ein Seelenerlebnis, das man mit sich allein ausmacht, jeder so weit, wie es ihn berührt. In den ersten Reihen hatten viele der überwiegend jungen Zuhörer die Augen geschlossen. Wenn sich aus dem sphärischen Klangteppich plötzlich ein Bass-Schauer mit höherem Tempo entlud, wiegte man sich versunken hin und her.

Auch die Musiker auf der Bühne wirkten während der knapp eineinhalb Stunden wie entrückt. Sascha Ring versteckte sich die meiste Zeit hinter schwarzen Locken und hatte für seine hohen Töne offenbar Unterricht bei den isländischen Elfensängern von Sigur Rós genommen.

Trotz der Glockenspiele und Synthesizer hat die Musik von Apparat immer etwas Dunkles, über das man schlecht sprechen kann. „Losing our voices“, wir verlieren unsere Stimmen, singt Ring folgerichtig im „Song of Los“. „Wo ich hingehe, muss ich allein gehen.“

Die Apparat Band ist nicht die Ekstase auf der Tanzfläche. Eher vertont sie das Gefühl, morgens schmutzig und erschöpft vor einem Club zu sitzen. Der Bass von drinnen kitzelt noch im Bauch, im Blut ist zu viel Adrenalin zum Schlafen.

Apparat ist Musik in der Mitte zwischen Intimität und Größenwahn. Dazu passt, dass Sascha Ring bald vor den Pyramiden von Gizeh auftritt.

Von Saskia Trebing

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