Es ist schwer, erwachsen zu werden: Sängerin Annett Louisan zu Gast in Kassel

Eingesponnen im Kokon

Kokett, frech, poetisch: Annett Louisan bei ihrem Auftritt in Kassel. Foto:  Fischer

Kassel. Der Besucher in der ersten Reihe wird diesen Augenblick wohl nie vergessen. Da steht sie auf der Bühne, 1,52 Meter groß, ganz in Schwarz, mit kurzer Hose, Bluse und Pumps, und meint unverblümt; „Dich brauche ich jetzt noch mal.“ Und er kommt nah heran, nimmt das Mikrofon aus ihrer Hand und maunzt wie eine Katze in den Saal:„Miau.“

Ein nettes Spiel, Publikumsbeteiligung bei der Show Annett Louisans, mit der die junge Sängerin Wandlung kundtun will. Erwachsen will sie sein, gereift und viel weniger blond. Ihr braun getöntes Haar soll wohl Entwicklung signalisieren. Schwierige Sache.

In der fast ausverkauften Kasseler Stadthalle bejubeln am Mittwochabend ihre Fans die zierliche Sängerin, die einst ganz blond, ganz mädchenhaft naiv mit Songs wie „Ich will doch nur spielen“ den Markt eroberte. Jetzt, bei der Vorstellung ihrer CD „In ihrer Mitte“, zeigt sie viel liebenswerte Bemühtheit, eine andere zu sein, singt von Trennungen, einer zweiten Chance, und spinnt sich doch immer wieder im alten Kokon ein: Ein flirtendes Spiel von der Bühne herab, die gehauchte Stimme, all der Unschulds-charme einer Kindfrau, die mit Alltagsgeschichten zwischen Koketterie, Poesie und Frechheit eine Spur Rührung im Publikum auslöst. Bei Louisan scheint Schmerz immer an der Oberfläche zu bleiben.

In ihren neuen Songs mischt die 34-Jährige mit dem Hang zum Chanson Polka- und argentinische Klänge, ihre Texte, unter anderem mit Liedermacher Danny Dziuk entstanden, sind poetisch, zuweilen auch ironisch.

Witzig und mit vollem Drive ihrer Band beeindruckt die Sängerin mit einer ironischen Volte auf all die Paare dieser Welt: „Pärchenallergie“ scheint nach einer gescheiterten Ehe einiges von der privaten Annett zu verraten.

Es ist so schwer, erwachsen zu werden: Pendelnd zwischen Anspruch und Vermögen erobert sich die Wahl-Berlinerin in Kassel immer mal wieder verblüffende Highlights: Songs wie „Vorsicht zerbrechlich“ oder das von Ulla Meinecke getextete Lied „Schöner, starker Tag“ überraschen nicht nur durch unerwartete Stimmgewalt, sondern auch durch eine gestärkte Authentizität, die den sonst eher selbstverliebten Bewegungen bei ihrer Performance eine andere Ausstrahlung verleiht. Wenn sie nach der Pause das alte Chanson von Charles Aznavour „Spiel Zigeuner“, ein hinreißendes Lied auf die Brüchigkeit des Lebens und verloren gegangene Träume, mit viel Temperament und Tiefe covert, scheint die Pop-Sängerin wirklich auf einem neuen Weg zu sein.

Zum Schluss drei Zugaben von alten CDs, das Publikum ist begeistert.

Von Juliane Sattler

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.