Die Kasseler Kriminacht im Starclub zeigt in beklemmenden Szenen, was 1933 in Kassel geschah

Auf einmal sind die Nazis da

Kassels Oberbürgermeister Lahmeyer (Christoph Steinau) hält eine Rede. Fotos: Schachtschneider

Kassel. Die Situation wirkt beklemmend echt: Die Menschen sitzen dicht gedrängt an Tischen, man isst, trinkt. Vorn auf der Bühne an einem Tisch sitzen drei Braunhemden, SA-Männer. Man hebt den Arm und grüßt mit „Heil Hitler“.

Dann steht einer von ihnen, SA-Sturmbannführer Vogelsang (Klaus Beyer), auf und wendet sich an die Anwesenden: „Ja, da guckt ihr, ihr Kasseler, was? Hättet ihr nicht gedacht, dass das alles so schnell geht?“ Nein, das hätten sie wohl nicht.

War es so, damals 1933 in Kassel? Nun, es hätte zumindest genau so sein können. Die Kasseler Kriminacht geht in diesem Jahr neue Wege und nimmt das Publikum im Starclub-Varieté mit auf eine Zeitreise: Wir erleben Szenen aus dem historischen Kassel-Krimi „Die Akte Tristan“ von Horst Seidenfaden. Auf die Bühne gebracht von einem Schauspielteam unter der Regie von Michael Fajgel, dem Leiter des Theaters im Centrum (tic).

Nach Ende des Stücks und dem langen Beifall sitzen die Premierenbesucher an ihren Tischen, es gibt Apfelchampagner, und die Hakenkreuzfahnen, die die Bühne einrahmen, fallen schon kaum mehr auf.

Der Altenheimbewohner Karl Windisch führt die Kripo auf die Spur einer Mordserie an SA-Leuten. Und während Astrid Weigel als Kommissarin Sabine Stengel sich in die alte Akte vertieft, wird der Starclub zum 30er-Jahre-Lokal.

Blitzschnell, und doch irgendwie schleichend etabliert sich 1933 die Nazidiktatur in Kassel. Windisch, der damals Thomas Heinrich Surmann hieß, ist als junger SA-Mann begeistert von der neuen Zeit. Kameradschaft, ein neues nationales Selbstbewusstsein, der Rückgang der Arbeitslosigkeit versprechen eine strahlende Zukunft.

Christoph Fortmann verkörpert glaubhaft den jungen Idealisten, dem erst die Liebe zur Clubsängerin Martha die Augen öffnet: Marthas Mutter ist Halbjüdin. Surmann, der sich mit Aktionen gegen Juden als strammer Nazi bewähren soll, steht vor der Entscheidung seines Lebens.

Die Auftritte der bezaubernden Annabelle Mierzwa als Sängerin Martha, die das Publikum mit Schlagern der Zeit wie „Was machst du mit dem Knie, lieber Hans“ unterhält (Auswahl: Willie Ditzel, Klavier: Roland Oumard), verstärkt den Eindruck von Authentizität.

In die Club-Atmosphäre bricht immer wieder die Nazi-Brutalität hinein: Wenn SA-Leute dem Gedicht-Rezitator (Herwig Lucas) den Kästner-Band entreißen und anzünden, kündigen sich die Bücherverbrennungen an.

Vor allem aber sorgen zahlreiche Foto- und Filmeinspielungen aus dem historischen Kassel für Zeitflair. Sie werden sogar mit den Spielszenen überblendet, wenn Christoph Steinau als NS-Bürgermeister Lahmeyer eine Rede zur Eröffnung der Goethe-Anlage hält, während die Originalszene auf die Leinwand projiziert wird. Fazit: ein szenischer Krimi-Abend, der unter die Haut geht. • Weitere neun Termine zwischen 3. Mai und 1. Juni im Starclub. Karten: Tel. 0561 / 203204. • Buch: Horst Seidenfaden: Die Akte Tristan, Verlag B & S Siebenhaar, 246 S., 14,80 Euro.

Von Werner Fritsch

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