Philosoph in der Revolte gegen das Absurde: Heute vor 50 Jahren starb Albert Camus

Einsam und solidarisch

Intensiv leben: Albert Camus verunglückte am 4. Januar 1960.

Es war eine Jahrhundert-Auseinandersetzung auf höchstem Niveau. Als der Schriftsteller und Philosoph Albert Camus - der heute vor 50 Jahren starb - 1951 in „Der Mensch in der Revolte“ den Gulag in Stalins Sowjetunion verurteilte, kündigte ihm Jean-Paul Sartre, der andere große Vertreter des Existenzialismus, mit einer scharfen Rezension die Freundschaft.

Sartre verharmloste den stalinistischen Terror im Lichte eines utopischen Denkens und einer kollektiven - kommunistischen - Menschheitsbeglückung, Camus entzog sich dem Lagerdenken des Kalten Kriegs. Er dachte in Kategorien individuellen Leids und Glücks. Es ging ihm um Würde und Unverletzbarkeit des Einzelnen. Camus lehnte jede Gewalt ab. Er griff in der Untergrundzeitung „Combat“ die deutsche Besatzung an und später das faschistische Spanien, den Atombombenabwurf auf Hiroshima wie die Niederschlagung des Ungarn-Aufstands.

Der unerbittliche Gegner der Todesstrafe, 1913 im algerischen Mondovi geboren, kritisierte die Kolonialmacht Frankreich wie den blind wütenden Terror der algerischen Befreiungsbewegung: „Ich liebe die Gerechtigkeit, aber ich liebe auch meine Mutter.“ Sie nämlich, die kaum lesen und schreiben konnte, hätte einem Attentat zum Opfer fallen können.

Die Position zwischen den Stühlen machte Camus einsam. Doch nun will Präsident Nicolas Sarkozy seinen Leichnam ins Pariser Pantheon überführen lassen. Der Literaturnobelpreisträger 1957 („Der Fremde“, „Der Fall“) ist längst neu entdeckt, auch wegen seines erst 1995 erschienenen Buches „Der erste Mensch“, in dem er von seiner ärmlichen Herkunft erzählt: Sein Vater, der aus dem Elsass stammte, fiel im Ersten Weltkrieg.

Am 4. Januar 1960 ist der „Philosoph des Absurden“ 46-jährig tödlich verunglückt - das Manuskript zum Roman seiner Kindheit hatte er in der Tasche und die Zugfahrkarte nach Paris. Wegen eines geplatzten Reifens knallte das Auto des Verlegers Michel Gallimard auf gerader Straße gegen den einzigen Baum.

Camus, Frauenheld und Fußballfan, tuberkulosekranker Raucher, liebte die mediterrane Landschaft - und schnelle Autos. So intensiv wie möglich leben - auch so, glaubte Camus, könne der Mensch gegen die Unvollkommenheit des Daseins revoltieren, an dessen Ende ein sinnloser Tod steht. Als andere Form, sich gegen das Absurde aufzulehnen, die Sinnlosigkeit zu überwinden, galt ihm der unermüdliche Kampf, wie ihn der Arzt Dr. Rieux in „Die Pest“ verkörpert: Trotz Übermüdung und Verzweiflung kämpft er unerschrocken gegen die übermächtige Seuche. Mit dem Titel „Solitaire und Solidaire“ (etwa: einsam und solidarisch) hat seine Tochter Catherine in ihren Erinnerungen Camus’ wesentliche Seiten benannt.

Dessen Philosophie des Dennoch ist in den berühmten Satz aus seinem philosophischen Hauptwerk „Der Mythos des Sisyphos“ geronnen: „Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“ Foto: dpa

Von Mark-Christian von Busse

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