Eintritt in die heile Schlagerwelt

Was mancher Popstar von Schlagersängern wie Patrick Lindner lernen kann

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Publikumsliebling: Patrick Lindner präsentierte gemeinsam mit Lena Valaitis und den Stimmen der Berge „Weihnachtszeit – schöne Zeit“ in der Stadthalle Baunatal. 

Baunatal. Vollprofis der Schlagerszene zeigen, dass so mancher Musiker von ihnen etwas lernen kann.

Der Verkauf der Texthefte zu ihren Songs lief für die fünf Sänger der Stimmen der Berge am Sonntag in Baunatal vermutlich nicht gut. Das Publikum in der Stadthalle zeigt sich textsicher und singt von Beginn an bei ihren, aber auch bei den Songs der Schlagerstars Patrick Lindner und Lena Valaitis mit. Die bieten ein mehr als dreistündiges Programm mit großen Hits und vielen Weihnachtsliedern.

Die 60-plus-Generation bekommt ein musikalisch solides Konzert geboten, bei dem man sich mehr vom reinen Gesang und weniger von der zu künstlich wirkenden instrumentalen Begleitung vom Band wünscht. Doch werden in Sachen Behaglichkeit, Nostalgie und vorweihnachtlicher Stimmung alle Wünsche erfüllt. Mehr als das, die Vollprofis der Schlagerszene - Lindner ist seit 1989 und Valaitis seit über 40 Jahren im Geschäft -, zeigen, dass so mancher Musiker von ihnen etwas lernen kann:

1. Benehmen

Lindner bedankt sich bei Valaitis und den Stimmen der Berge - und umgekehrt. Alle bedanken sich immer wieder beim Publikum. Dazu gibt es tiefe Verbeugungen. Das wirkt zwar plakativ, aber in Zeiten, in denen Firmen Knigge-Kurse für Schüler fordern und Rapper ihre Fans zum Wetttrinken animieren, bis diese auf die Bühne kotzen (wie es kürzlich Karate Andi in Kassel tat), kann etwas überzogener Benimmunterricht nichts schaden.

2. Fannähe

Popstar Justin Biber hat unlängst einen Auftritt abgebrochen, weil ihn kreischende Fans nervten. Die Anhänger von Lindner und Co. kreischen zwar nicht, aber sie jubeln. Sie bringen ihren Idolen Rosen auf die Bühne. Der lächelnde Lindner hat einen solchen Biber-Fauxpas nach 27 Jahren im Showgeschäft noch vor sich. Sehr wahrscheinlich wird es nicht dazu kommen: Er sucht den Kontakt, spricht die Menschen an, schreibt Autogramme, baut Nähe auf. Eine Lehrstunde für schnöselige Jungs.

3. Stimmung

Egal ob man Schlagermusik mag oder nicht: Für Stimmung sorgt sie nicht nur bei der älteren Generation. So mancher der Hits („Gefühl ist eine Achterbahn“, „Kufsteinlied“), sind oktoberfest- und karnevaltauglich. Und die Balladen sind mit Gefühlssoße begossene Lebensweisheiten („Das Buch des Lebens“, „Kleine Dinge des Lebens“). Die Fans zücken Feuerzeuge, schunkeln, singen.

4. Weihnachtszauber

Da sind sie ganz weit vorne:

• Bühnenbild: verschneite Berglandschaft auf riesigem Vorhang, beleuchtete Tannen.
• Kleidung: festlich. Und ein Lindner, der in seinen schwarz und rot glitzernden Sakkos jeder Christbaumkugel Konkurrenz macht.
• Musik: Es wird tief in die Stimmungstrickkiste gegriffen („O du fröhliche“, „Leise rieselt der Schnee“), sich beim unvergessenen Peter Alexander bedient und Lindner singt Stücke seiner Weihnachtsalben.

5. Professionalität

Es gibt Komplimente. Lindner liest eine rührselige Geschichte vor. Die 73-jährige Valaitis erinnert an Erfolge (zweiter Platz 1982 beim Grand Prix mit „Johnny Blue“), erzählt von ihren schelmischen Söhnen und vom Frühsport, der sie fit hält. Die Stimmen der Berge (ehemalige Sänger der Regensburger Domspatzen) geben die perfekten Traumschwiegersöhne. Ja, all das ist Schlager-Klischee pur. Doch haben die Fans Karten für eine heile Welt gekauft - und die bekommen sie. Ein faires Geschäft.

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