Ai Weiweis spektakuläre Installation „Sunflower Seeds“ füllt die Turbinenhalle der Londoner Tate Modern

Der Einzelne und die Masse

Hier wird der Mensch ganz klein: Ein Blick in die Halle, in der Ai Weiwei ein Feld künstlicher Sonnenblumenkerne ausschütten ließ.

Als Regimekritiker ist der Konzeptkünstler und documenta-Star 2007 Ai Weiwei in jüngster Zeit oft wahrgenommen worden - zuletzt in Kassel vor wenigen Wochen durch die Verleihung des Bürgerpreises „Glas der Vernunft“ an den 53-Jährigen.

Auch als vor einem Jahr die Ausstellung „So sorry“ des Chinesen in München eröffnete, machte seine Notoperation im Klinikum Großhadern mindestens so viele Schlagzeilen wie die 9000 Rucksäcke vor der Fassade am Haus der Kunst, die an die beim Erdbeben in Sichuan getöteten Kinder erinnerten: Bei Recherchen über Korruption und Baupfusch in dieser Provinz war Ai, dessen kritischer Blog der Regierung ohnehin übel aufstieß, von Polizisten schwer verletzt worden.

In London hat Ai Weiwei nun eine riesige Installation verwirklicht, die zuallererst ein sinnliches Erlebnis sein sollte. 100 Millionen Sonnenblumenkerne aus Porzellan hat er in der Turbinenhalle der Tate Modern ausschütten lassen. Besucher durften anfangs in dem mehrere Zentimeter tiefen Teppich waten, die Hülsen durch die Finger rinnen lassen, damit spielen wie im Sand am Strand. Inzwischen soll das Feld wegen einer möglichen Gesundheitsgefährdung durch den aufgewirbelten Staub nicht mehr betreten werden.

Das Meer der „Sunflower Seeds“, die der Installation den Namen gaben, wurde in der Reihe des Unilever-Sponsorings verwirklicht - einer der bekanntesten Aufträge in der Gegenwartskunst (siehe weiteren Artikel). Mit zwei Millionen Besuchern wird gerechnet. Die Wahl Ai Weiweis zeigt, dass er - unabhängig seiner politischen Äußerungen - als einer der wichtigsten chinesischen Gegenwartskünstler hohes Renommee gewonnen hat.

Unpolitisch sind auch die Sonnenblumenkerne nicht. Wie in vielen seiner Arbeiten, deren Leitmotive Ai Weiwei hier wieder aufnimmt, beruft er sich auf die lange künstlerische Tradition im „Reich der Mitte“, für die die Porzellanherstellung sinnbildlich ist. Heute ist „Made in China“ Inbegriff für industrielle, kostengünstige Massenanfertigung. Tatsächlich ist jedoch jeder Sonnenblumensamen kunstvoll und aufwendig handgefertigt. So wirft seine Arbeit auch Fragen auf nach Konsum, Überfluss und Verschwendung: Zwei Jahre lang hat Ai 1600 Arbeiter in der Porzellanstadt Jingdezhen beschäftigt, um die 150 Tonnen herstellen zu lassen. Jeder Kern wurde bei 1300 Grad Celsius gebrannt, handbemalt und erneut auf 800 Grad erhitzt.

Der Einzelne, der in der Masse aufgeht. Auch das ist für Ai Weiwei, Sohn des unter Mao verstoßenen Dichters Ai Quing, ein Thema. Die Sonnenblumenkerne sehen gleich aus, aber sie sind alle individuell, einzigartig. Nur drei Unikate habe er selbst hergestellt, sagt Ai in seinem trockenen Humor, es handele sich um die am wenigsten gelungenen.

Als seine Familie während der Kulturrevolution vertrieben wurde, war Mao in der Propaganda die „Sonne“, um die sich alles drehte, die das Volk gedeihen ließ. Tatsächlich herrschten Not und Hunger. Sonnenblumenkerne halfen zu überleben, sie sind für Ai Symbole des Teilens, des Mitgefühls und der Menschlichkeit in einer grausamen Zeit.

Von Mark-Christian von Busse

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