Die Disney-Studios haben eine verlorene Figur aus dem Trickfilmklassiker „Dumbo“ entdeckt

Der Elefant muss zum Eulen-Arzt

Wer gezwungen worden ist, im Zirkus als Clown zu arbeiten, weil sich alle über seine großen Ohren lustig machen, findet nicht gerade beste Bedingungen vor, über eine alternative Berufswahl nachzudenken. So geht es dem kleinen Elefanten Dumbo im gleichnamigen Trickfilmklassiker aus Disneys legendärem Studio. Doch das Unglück mit dem überdimensionalen Hörorgan ist nicht das einzige. Dumbo wurde nämlich außerdem seiner Mama entrissen und muss in der rauen Zirkuswelt ohne mütterliches Rüsselkuscheln klarkommen.

Bis er seine Schwäche als Stärke sehen kann und entdeckt, dass seine XL-Ohren prima zum Fliegen geeignet sind, vergehen 64 ergreifende Minuten in diesem nicht nur Kinderherzen bewegenden Filmabenteuer von 1941.

Wie sich die Disney-Kreativen den Kopf zerbrochen haben, den kleinen Dumbo dramaturgisch auf die richtige Fährte der Selbst-Bewusstwerdung zu setzen, zeigt ein Schatz, der jetzt in den Archiven des Studios aufgetaucht ist. Wahrscheinlich fällt der Präsentationstermin nicht zufällig mit der Veröffentlichung der restaurierten Dumbo-Fassung auf DVD zusammen. Doch die bekannteste Illusionsfabrik der Welt gehört nun mal zu den wichtigsten kollektiven Bewusstseinsbildnern des 20. Jahrhunderts, Millionen Menschen sind mit „Dumbo“ aufgewachsen.

Lella Smith, die Leiterin der Disney-Archive, hat jetzt eine Reihe von Entwürfen für Filmsequenzen entdeckt, die für „Dumbo“ überlegt, aber verworfen worden waren. Dort hätte der kleine Dickhäuter einen Spatz als Begleiter gehabt, der mit ihm einen ebenfalls gefiederten Psychiater aufgesucht hätte: „Dr. I Hoot“ prangt über der Praxis der examinierten Eule mit den markanten Feder-Augenbrauen. Mit flügelschwingend-stolzer Geste befragt Hoot nun den schüchternen Patienten nach seinen Träumen. Doch mit den Vorschlägen Schauspieler, Musiker, Sportler oder Polizist kann Dumbo nichts anfangen. Fliegen, das wäre das Einzige. Entsetzt schickt die Eule ihn weg.

Nur Skizzen sind erhalten, hingeworfene Ideen für eine Szene, in der alles drinsteckt: Gefühl, Schmerz, Bewegung, ein Machtgefälle. Entschieden wurde anders - eine Maus wurde Dumbos Begleiter. Der vorlaute Timothy in roter Livree funktioniert natürlich ebenfalls als Konterpart zu einem Tier, das der Legende nach vor derartigen Nagetieren Muffensausen hat. Die Eule wanderte 70 Jahre in die Schubladen der Disney-Archive.

So hat die Freundschaft zwischen einem anatomisch herausgeforderten Elefanten und einer Maus die Disney-Studios gerettet, die in Finanzsorgen geraten waren - nicht zuletzt durch den Weltkrieg, der den europäischen Markt inexistent machte. „Dumbo“ musste das Blatt wenden - und es gelang, der vierte große Disney-Film wurde ein wirtschaftlicher Erfolg und gilt als eines der liebevollsten Abenteuer des Hauses.

Von Bettina Fraschke

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