Der Autor und Kolumnist Max Goldt gab ein eindrucksvolles Lese-Gastspiel im Schauspielhaus

Elegant durchs Gedanken-Labyrinth

Lesung als Performance: Max Goldt in Kassel. Foto: Fischer

Kassel. Gäbe es ein Gedankenlabyrinth, das zu ständig neuen Abzweigungen und Wegen führen würde, scheinbar weit entfernt vom Eingangswort, so wäre Max Goldt wohl ein Weltmeister des Wieder-Herausfindens.

Wie sonst lässt es sich erklären, dass es dem Autor und Kolumnisten mit den vielfältigen Auszeichnungen bis hin zum Kasseler Literaturpreis für Grotesken Humor gelingt, das übelriechende Leiden des Sodbrennens schließlich mit dem Snobismus zu verorten und dabei selbst Fürstin Gloria von Thurn und Taxis nicht unberücksichtigt zu lassen. Die nämlich bestehe darauf, dass es kein Sodbrennen gebe, sondern nur Jagdverletzungen.

Max Goldt bei seinem Gastspiel im Kasseler Schauspielhaus zu sehen, ein Mann im gemusterten Anzug und einem Bubengesicht unter dem Pony, war schon den Eintritt wert. Denn seine Lesung aus dem „Buch namens Zimbo“ ist zugleich eine Performance, ein Hineinschlüpfen in mehrere Rollen.

Dann knetet er die Hände, streicht seine Finger und spielt sich ganz nebenbei in den Alltag eines Prokrastina-tion-Befallenen hinein, einen Menschen also, der Dinge ständig aufschiebt, obwohl sie wichtig sind. Goldts Charakterstudie eines qualvoll Bummelnden ist so komisch wie hintersinnig, besonders wenn er dann auch noch mit moralischem Tiefsinn den Bogen zur deutschen Politik schlägt.

Seine klugen Wort-Untersuchungen führen zu ungeahnten Entdeckungen: Wortschöpfungen wie tosende Stille oder stiller Schrei vertrauten nämlich nur auf die Illusion eines Hintersinns, meint er dann. In seiner Abneigung gegen das Paradoxe sei er sich immerhin einig mit Thomas Mann. Goldt schaut triumphierend in die Runde, um dann noch kurz Mann und Frau in einem Konversationsbeispiel zu verbinden und dabei die deutschen Mittelgebirgslandschaften mit Sex im Alter und Christiane Hörbiger zusammenzubinden. Sprachkunst und leiser Humor, wie schön. Tosender Applaus ohne Stille zum Schluss.

Max Goldt: Ein Buch namens Zimbo, Rowohlt Berlin, 208 Seiten, 17,80 Euro.

Von Juliane Sattler

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