Aus der Badewanne ins Kulturzelt: Cocorosie machen Folk mit Kinderspielzeug

Elfenhafte Nervensägen

Zauberhaft und merkwürdig: Die in Paris lebenden US-Schwestern Sierra (vorn) und Bianca Casady sind Cocorosie. Foto: nh

Die Geschichte des Pop-Duos Cocorosie begann vor sieben Jahren in einer Badewanne im Pariser Künstlerviertel Montmartre. Dort nahmen die US-Schwestern Sierra und Bianca Casady ihr erstes Album auf. Als Instrumente verwendeten sie unter anderem eine Popcornmaschine und Kinderspielzeug. Ihre Chansons und Wiegenlieder mit elektronische Beats klangen sehr merkwürdig, aber auch sehr zauberhaft.

„Freak Folk“ nannten Journalisten das Genre, dem auch andere illustre Gestalten wie der bärtige Devendra Banhart zugezählt wurden. Aber die schrägsten sind immer noch die Casady-Schwestern, die nun ihr viertes Album veröffentlicht haben und im Juli im Kasseler Kulturzelt auftreten. „Grey Oceans“ klingt zwar nicht mehr so abgedreht wie die Töne aus der Pariser Badewanne, mit dem spirituellen Pop unterlegen mittlerweile sogar Konzerne wie BMW ihre Werbespots. Aber Cocorosie bieten immer noch die schrägste Biografie.

Sie liest sich, als sei sie von Mitarbeitern einer PR-Firma auf LSD ausgedacht worden. Demnach wuchsen Sierra und Bianca als Töchter zweier Hippies in Indianer-Reservaten und Kommunen auf - der Vater ist ein Cherokee. Sie besuchten Waldorfschulen und mussten auf Spielsachen und Fernseher verzichten. Als die zwei Jahre ältere Sierra nur noch mit Tieren sprach, schickte sie ihre Mutter, die sich mittlerweile hatte scheiden lassen, ins Internat.

Danach verloren sich die Schwestern aus den Augen. Mehr als zehn Jahre hatten sie sich nicht gesehen, als Bianca 2003 eine Weltreise begann und dabei auch Sierra besuchte, die am Pariser Konservatorium Gesang studierte. Ihr Wiedersehen feierten sie mit der Aufnahme in der Badewanne.

Das alles klingt nach einer harten Kindheit, aber Sierra sagt: „Ich kann mich dankbar schätzen, dass ich so aufgewachsen bin.“ Der Bandname ist Teil der Biografie: Von ihrer Mutter wurden Bianca und Sierra nur Coco und Rosie genannt.

Auf „Grey Oceans“ beschäftigen sich die 28 und 26 Jahre alten Schwestern mit Religion. Die kannten sie von zuhause nicht, wo allenfalls spirituelle Sitzungen abgehalten wurden. Das Album beginnt mit Schamanengesang, es folgen verspielte Melodien, „Hopscotch“ ist sogar ein umwerfender Ragtime. Die Musik ist immer noch zauberhaft, aber auch immer noch so merkwürdig, dass Cocorosie von Kritikern als „Avantgarde-Nervensägen“ bezeichnet werden.

Bei Konzerten tanzen die Schwestern schon mal ihren Namen, und manchmal stellen sie auch ein Sofa auf die Bühne. Die Hippie-Kinder sind Nomaden geblieben. „Wie sind wie Schnecken, die ihr Heim auf dem Rücken tragen“, sagen sie.

Cocorosie: Grey Oceans (Souterrain Transmissions / Rough Trade). Wertung: !!!!:

Cocorosie spielen am 21. Juli im Kulturzelt Kassel. HNA-Kartenservice, 0561/203-204.

Von Matthias Lohr

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