Neu im Kino: Sam Taylor-Woods „Nowhere Boy“ erzählt die Jugendjahre John Lennons

Empfindsames Großmaul

Die frühen Jahre: Lennon (Mitte: Aaron Johnson) mit seinen Bandkollegen Paul McCartney (links, Thomas Sangster) und George Harrison (Sam Bell). Foto: privat

Manche Mythen sind so stark, dass ein Film sie nur streifen kann. Der Mythos John Lennon ist einer davon. So ist Sam Taylor-Woods filmische Biografie „Nowhere Boy“ ein weiteres Mosaikteilchen in dem Versuch, sich einem der größten Künstler des 20. Jahrhunderts zu nähern - will aber auch nicht mehr sein.

Beinahe unerheblich scheint dabei, ob Lennon sich wirklich für seine Sehschwäche geniert hat und sich bei jeder Gelegenheit die Brille von der Nase zog. Oder wie er tatsächlich zu seiner leiblichen Mutter Julia, mädchenhaft-kokett gespielt von Anne-Marie Duff, stand. Anstatt verbissen um Fakten zu ringen, zeigt die Regisseurin mit mutig subjektivem Blick den Menschen, wie sie ihn sieht: Als jungen Kindskopf, gierig nach Leben und verwundbar hinter der Fassade des großmäuligen Rock ’n’ Rollers, der sich später für berühmter hielt als Jesus.

Nachwuchstalent Aaron Johnson erweist sich als Idealbesetzung. Virtuos ringt der 20-jährige Brite seiner Figur zwei Gesichter ab und zeigt nicht nur einen Musiker, der schon in jungen Jahren sein Publikum in Ekstase versetzen konnte, sondern auch einen im Grunde unsicheren Jungen aus dem Liverpooler Arbeitermilieu der 50er.

So konzentriert sich der Film auf die jungen Jahre Lennons, in denen von den Beatles noch keine Rede war. Lennon wächst bei seiner resoluten Tante Mimi (Kristin Scott Thomas) auf, bei der er sich zunehmend eingeengt fühlt. Dann tritt seine leibliche Mutter Julia in sein Leben und mit ihr die Fragen: Was ist damals geschehen? Warum hat sie ihn nicht bei sich behalten? Immer stärker sucht Julia den Kontakt zu ihrem Sohn und verkörpert mit ihrem laxen Lebensstil den drastischen Gegenentwurf zu Johns Ziehmutter Mimi. Lennon gerät immer stärker zwischen die Fronten der beiden Frauen, womit sich das Familiendrama allmählich entfaltet.

Zuflucht findet Lennon in der Musik. Mit dem Beatles-Vorläufer The Quarrymen leckt er das Blut des Rock ’n’ Roll und ist fortan von einem einzigen Wunsch beseelt: wie Elvis zu sein. Den leichten Zuckerguss verzeiht man dem Film dank starker Bilder und der liebevoll erzählten Geschichte gern.

Genre: Biografie

Altersfreigabe: ab 6

Wertung: !!!!:

www.hna.de/kino

Von Kristin Dowe

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