Aufruf des Widerstandskämpfers Stéphane Hessel (93) bewegt Frankreich

Ich bin empört, also bin ich

Paris. Für große Wirkung braucht es manchmal wenige Worte. Gerade mal 30 Seiten inklusive Titelblatt zählt Frankreichs neuer Bestseller. Drei Euro kostet das schmale Werk, das ein südfranzösischer Kleinverlag herausgebracht hat. „Empört euch!“ – der Titel ist schlicht, aber deutlich, und er traf einen Nerv: Das begehrte Manifest wird längst nachgedruckt. Die Auflage liegt bei 900 000. Woher rührt der bombastische Erfolg einer Kampfschrift für Zivilcourage und den gewaltfreien Aufstand gegen Ungerechtigkeit und Gewalt?

Das wisse er auch nicht, beantwortet Autor Stéphane Hessel kokett lächelnd diese Frage: „Damit habe ich ja nicht gerechnet.“ Dabei liegt einer der Gründe im liebenswürdig auftretenden 93-Jährigen selbst, der eine moralische Instanz in Frankreich war, bevor er durch TV-Shows tingelte, um über sein Buch zu sprechen.

Hessel ist der einzige noch lebende Verfasser der allgemeinen Menschenrechtserklärung von 1948 und hat den Einsatz für Minderheiten zum Lebensthema gemacht. Zuletzt griff er Frankreichs Präsidenten Sarkozy für seine Roma-Politik an. Die ruhelose Empörung, die ihn antreibt, erhofft er sich auch von seinen Mitbürgern.

Ein Motiv zur Empörung sei wertvoll, schreibt er: „Wenn man sich über etwas empören kann, wie das bei mir mit dem Nationalsozialismus der Fall war, wird man stark und engagiert.“ Heute allerdings seien die Feindbilder nicht mehr so eindeutig. Hessel klagt die „Diktatur der internationalen Finanzmärkte“ an, die den Frieden und die Demokratie bedrohen und die sozialen Errungenschaften auffressen. Er beanstandet Krieg und Gewalt, die Kluft zwischen Reich und Arm, die Zerstörung des Planeten. Hessels Kritik an Israels „Kriegsverbrechen“ gegen die Palästinenser haben ihm eine Klage und den Vorwurf des Antisemitismus eingebracht.

Andere nennen seinen Appell naiv und unkonkret, belächeln ihn als oberlehrerhaften Nachlass eines bewegten Lebens. Und doch kommt in Frankreich derzeit niemand an Hessels inszenierter Empörung vorbei.

Eine orientierungslose Gesellschaft, die sich verbittert von ihren politischen Akteuren abwendet, nimmt ihn als nationales Gewissen an. Die Franzosen, die so sensibel für die Geschichte und die Helden des Widerstands sind, lähmen heute mit Generalstreiks das Land, statt es revolutionär umzustürzen. Da bietet Hessel einen Weg an, aus der Angststarre zu erwachen. Einer internationalen Studie zufolge blicken die Franzosen pessimistischer in die Zukunft als die Menschen in Afghanistan, Pakistan oder Nigeria. Da kann ein heiterer, idealistischer Senior Wunder bewirken – zumindest in den Bestseller-Listen.

Von Birgit Holzer

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