Sony stellt Produktion ein

Nachruf auf den Walkman: Das Ende einer Legende

Es ist mittlerweile Brauch, auf Beerdigungen, Pop-Songs zu spielen. Für den Walkman von Sony, der in diesen Tagen zu Grabe getragen wird, müsste man Richard Sandersons „Reality“ auflegen. Alle würden sich dann noch einmal an den größten Kino-Moment des tragbaren Kassettenspielers erinnern.

Es war 1980 in der französischen Teenager-Komödie „La Boum“: Die schöne Vic (Sophie Marceau) ist auf einer Fete, wo alle Rock’n’Roll tanzen, als ihr Ex-Freund Mathieu sich von hinten anschleicht und ihr den Kopfhörer eines Walkmans überzieht. „Dreams are my reality“, singt Sanderson, und dann tanzen Vic und Mathieu eng umschlungen zur Ballade, während alle anderen weiter herumhüpfen.

Die Szene mit den beiden Individuen in der Masse beweist, dass der Walkman eine andere Realität schaffen kann. Die echte Wirklichkeit des Abspielgerätes von Sony indes ist nicht mehr partyreif: Am Wochenende teilte der japanische Elektronik-Konzern mit, dass er die Produktion des Walkman eingestellt hat. Die letzten Geräte wurden im April an die Händler verschickt. Ob die sie loswerden, ist eine andere Frage: Heute haben die Leute MP3-Player in der Tasche, mit denen man ganze Plattensammlungen mitnimmt, und nicht eine Maschine, die im schlimmsten Fall Bandsalat produziert.

Damit endet eine Ära, die mit einer Legende begann: Weil Sony-Mitgründer Masaru Ibukas auch auf Flügen seine Lieblingsmusik hören wollte, ließ er seine Ingenieure aus einem Diktiergerät einen tragbaren Kassettenspieler machen. Der erste Walkman „TPS-L2“ wurde am 1. Juli 1979 in Tokio verkauft. Zwei Jahre zuvor hatte der deutsche Erfinder Andreas Pavel allerdings den „Stereobelt“ patentieren lassen, eine „körpergebundene Kleinanlage für die hochwertige Wiedergabe von Hörereignissen“. Es gab einen Rechtsstreit, der erst 2004 mit einer Entschädigungszahlung endete.

Da war der Walkman längst Geschichte. Er sorgte für die Individualisierung des Musikhörens und einen Kulturkampf. Für manche symbolisierte das Gerät eine moderne Form des Autismus. Der Freiburger Kulturanthropologe Werner Metzger etwa hielt den Walkman für eine „widersinnige Möglichkeit, inmitten anderer Menschen mit sich selbst und seiner Musik allein zu sein“.

Andere monierten die Lärmbelästigung durch die die mit Schaumstoff überzogenen Kopfhörer. In der Münchner U-Bahn hingen Plakate mit Slogans wie: „Aus dem Walkman tönt es grell, dem Nachbarn juckt’s im Trommelfell“.

Während die Eltern einen damals warnten, der Walkman mache taub, gehen sie heute selbst mit dem iPod joggen. Apples MP3-Player ist sozusagen ein Kind des Walkman. Er ist viel kleiner und die Musik für andere daher unhörbar und auch unsichtbar. Schon aber erkennt man einen neuen Trend: Die Jugendlichen von heute tragen keine unscheinbaren Ohrstöpsel mehr, sondern wuchtige DJ-Kopfhörer, die wie eine Reminiszenz an den Walkman erscheinen.

Von Matthias Lohr

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