The Roots überzeugen mit dem neuen Album „Undun“

Das Ende vom Lied

Gut gekleidete Herren singen übers Ghetto: The Roots. Foto: Universal

Undun“, so heißt das zwölfte Album der The Roots. Das Feedback ist enorm, die Kritiken sind hervorragend. Die Musiker halten es für ihre beste Arbeit. Selbstverständlich ist so viel Euphorie nicht, wenn es um HipHop geht. Um ein Genre, das seit Jahren am Tropf hängt, weil alle Beats erfunden, sämtliche Geschichten erzählt sind. Hip-Hop ist die Wiederholung der Wiederholung der Wiederholung. Auf der einen Seite der Bling-Bling-Zirkus, prätentiöser Yacht-Rap à la Kanye West, auf der anderen jugendliche Hasstiraden von Tyler The Creator. Klassischer Gangsta-Rap scheint ausgestorben. Der Rest ist R&B.

Das in Philadelphia ansässige Hip-Hop-Kollektiv um Drummer und Produzent Questlove und Rapper Black Thought spielt in einer weiteren Liga - so gut wie allein. Das war in den 90ern, zuzeiten von A Tribe Called Quest, De La Soul und Public Enemy, anders. Der im afroamerikanischen Selbstverständnis wurzelnde „Conscious Rap“ thematisierte Politik, soziale Probleme, alltäglichen Rassismus. Und das Ghetto als vordefinierten Ort des Scheiterns.

Es ist diese dunkle Sorte von Ghetto-Geschichte, die das achtköpfige Gespann auf seinem Konzeptalbum „Undun“ erzählt. Die Antiheldengeschichte handelt vom fiktiven Protagonisten Redford Stephens und beginnt mit dessen Tod. Der Tropf, an dem Hip-Hop hängt, ist insofern eine passende Metapher, als er erahnen lässt, was schlimmstenfalls kommt: Die CD beginnt mit jenem monotonen Pfeifton, der die Nulllinie auf dem Herzmonitor begleitet.

Es ist eine exemplarische, typisch amerikanische Geschichte. Sie wird rückwärts aus der Perspektive des Toten erzählt, im geschmeidigen Rap-Flow von Black Thought. Im Grunde geht es um die trostlose, bittere Leere, die der Spätkapitalismus bei Ghetto-Kids hinterlässt, wenn die Träume ausgeträumt sind. Wenn die Karriere eine kriminelle ist und das Gefängnis Realität. Eigentlich ist Redford ja nur ein ganz normaler Junge, der das schnelle Geld will. Er wird Crack-Dealer und stirbt viel zu jung, mit 25.

The Roots haben den musikalischen Kontrast gewählt. Die poppige Schönheit mit lässigen Grooves und fein gearbeiteten Jazz-Texturen, ganz leicht verstimmten Piano-Akkorden, elegisch aufseufzenden Streichern und einem dynamischen Schlagzeug. Mag sein, so hätte auch ein Album mit klassischen Liebessongs klingen können. Die Liebe - auf „Undun“ hat sie die Form eines Requiems der Straße angenommen.

The Roots: „Undun“ (Def Jam / Universal), Wertung: !!!!!

Von Michael Saager

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