Francesco Filidei mit einem tollen Konzert in der Martinskirche

Entfesselte Orgelmusik

An der Bosch-Orgel: Francesco Filidei. Foto: Fischer

Kassel. Am Ende des Orgelkonzerts von Francesco Filidei tobte das Inferno in der Martinskirche - ein minutenlanger Feuersturm tumultartiger Klänge in höchster Lautstärke. Es war der Schlussteil von Iannis Xenakis’ 1974 komponiertem Orgelstück „Gmeeoorh“, und es zeigte, mit welcher Radikalität die erste Generation der Avantgarde-Komponisten zu Werke ging.

Das entfesselte Finale war dennoch untypisch für dieses sechste Konzert der Festivalreihe „Neue Musik in der Kirche“. Denn der 39-jährige italienische Organist mit Wohnsitz Paris ist ein sehr akribischer Interpret mit viel Sinn für Klarheit. Die erzeugt er nicht nur mit technisch brillantem Spiel, sondern auch durch einen klugen Einsatz fein abgemischter Klangfarben.

Etwa im Xenakis-Stück, das zunächst mit gegenläufigen Skalen, dem Gegensatz sehr hoher und sehr tiefer Klänge und dann auch mit immer neuen Akkordschichtungen arbeitet. Struktur und Emotion finden in diesem Stück auf herausragende Weise zusammen.

Dagegen wirkt das Stück „Himmelsspalt“ (2001) der Hauptkomponistin dieses Festivalsommers, Charlotte Seither (47), etwas akademisch. Es stellt Kontraste zwischen zarten Stimmen und Tutti sowie lang ausgehaltenen Klängen und kurzen Ereignissen gegenüber, gelegentlich „gestört“ durch Pedalgeräusche. Das ist formal interessant, löst aber kaum innere Beteiligung aus.

Mehr Überraschung bietet Giacinto Scelsis „in nomine lucis“ (1974), eine Komposition, die den Ton „Cis“ in den Mittelpunkt stellt und ihn auf mannigfaltige Weise umspielt, dehnt und klanglich erweitert.

Die emotionale Seite der Orgelmusik wurde besonders im Eingangsstück „ferner und immer ferner“ (2007/08) von Philipp Maintz (35) betont. Der gebürtige Aachener beschwört darin sowohl die alte sakrale Melodik als auch Momente der überwältigenden französischen Orgelsinfonik und bindet beide in eine Komposition ein, die in ihrer Spontaneität fast improvisatorisch wirkt.

Die zwischen den Orgelstücken von Peter Becker gelesenen Texte Heinrich von Kleists, Reiner Kunzes und Johann Peter Hebels wären an diesem Abend entbehrlich gewesen. Der anhaltende Beifall der gut 50 Zuhörer galt denn auch vor allem dem famosen Organisten Francesco Filidei und dem Komponisten Philipp Maintz.

Von Werner Fritsch

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