Lars Vogt begeisterte beim Musikfest Kassel

Entfesseltes Klavierspiel

Starker Beitrag zum Schumann-Jahr: Lars Vogt in der Kasseler documenta-Halle. Foto: Schoelzchen

Kassel. Manche Anfänge bei Robert Schumann klingen so, als ob man sich in eine bereits laufende Musik einschaltete. Bei der C-Dur-Fantasie op. 17 ist die emotionale Spannung schon mit den ersten Tönen auf dem Höhepunkt. Selten gelingt einem Pianisten diese seelische Überrumpelung so gut wie Lars Vogt bei seinem Klavierabend in der Kasseler documenta-Halle.

Vom ersten Moment an war man gefangen in Schumanns Welt bewegter und bewegender Emotionen, jenem trotz der lichten Grundtonart C-dur dunklen Gemenge sehnsuchtsvoller und resignativer Gedanken. Heftige Ausbrüche, abrupte Abbrüche - unter Vogts Händen verändert sich die Spannung - bricht aber nie ab.

Mit ihrer etwas knalligen Akustik bietet die documenta-Halle nicht gerade den idealen Rahmen für Klaviermusik. Umso bewundernswerter, wie subtil Vogt im Schlusssatz Schumanns Ausflüge in ferne und ungehörte Klangwelten pianistisch umsetzte, versonnene und versunkene musikalische Tagträumereien, die diese große Fantasie zu einem Zentralwerk der Romantik machen.

In der Reihe starker Schumann-Akzente, die das Kasseler Musikfest in diesem Jahr setzte, war dies ein besonders nachdrücklicher. Denn Lars Vogt, der zu den wichtigen Pianisten unserer Zeit zählt und durchaus Starqualitäten besitzt, verzichtet völlig auf oberflächliche Brillanz. Sein Spiel ist substanziell bis zur Härte.

Bei der eingangs gespielten Sonate op. 1 von Alban Berg (in der heimlichen Grundtonart h-Moll) betonte Vogt die motivischen Verflechtungen, verzichtete auf klangliche Effekthascherei und verlieh diesem Werk an der Schwelle zu Moderne damit Tiefenschärfe.

Franz Liszts monumentale h-Moll-Sonate (Robert Schumann gewidmet) ist im Konzert selten zu hören. Viele Pianisten scheuen das Risiko, dieses mit Höchstschwierigkeiten gespickte Werk live zu spielen. Lars Vogt erklomm in Kassel jedoch auch diesen Gipfel und ließ die Zuhörer erleben, was entfesseltes Klavierspiel bedeutet. Und er traf so den Kern dieser Sonate, deren extreme Anforderungen an die Virtuosität Ausdruck existenziellen Ringens sind.

Den fast ebenso entfesselten Beifall der 210 Zuhörer im ausverkauften Saal beruhigte Lars Vogt mit Brahms’ As-Dur-Walzer aus op. 39.

Von Werner Fritsch

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