Bruce Nauman, einer der wichtigsten Gegenwartskünstler, wird heute 70 - mehrfach bei der documenta

Entziehen kann man sich kaum

„Anthro/Socio“: Blick auf einen der Monitore bei der documenta 9, auf dem sich wehklagend ein kahler Kopf gedreht hat

Es war eines der eindrucksvollsten documenta-Kunstwerke der letzten Jahrzehnte. 1992, bei der documenta 9 empfing eine Arbeit von Bruce Nauman die Besucher im Kasseler Fridericianum, die verstörte, die aufwühlte, und der man sich nicht entziehen konnte.

In dem kleinen Vorraum des Ausstellungsgebäudes waren Bildschirme mit einem sich drehenden, zum Teil auf dem Scheitel stehenden, kahlen Kopf zu sehen. Klagelaute erfüllten den Raum, „Help me, hurt me, Sociology, feed me, eat me, Anthropology...“ (hilf mir, verletze mich, Soziologie, füttere mich, iss mich, Anthropologie) rief eine Männerstimme: Beklemmung, Angst, Isolation. Diese Themen bearbeitet Nauman, der sich für die Arbeit „Anthro/Socio“ selbst gefilmt hat, in großer Intensität, will sie bewusst auch im Betrachter wachrufen. Deshalb hat sich die Arbeit bei den Besuchern der d9 so eingeprägt.

Heute wird Nauman, einer der größten Künstler der Gegenwart, 70 Jahre, alt. In Museen und Ausstellungen ist er allgegenwärtig. Naumans umfangreiches Werk schließt Bilder, Skulpturen, Installationen, Filme und Videos ein. Er beherrscht die Stilpalette vom kargen Minimalismus bis zur intellektuell-kalkulierenden Konzeptkunst souverän. In den experimentierfreudigen 60ern herangewachsen, nutzt Nauman Fiberglas, Gipsverbände, Mobiles und Performance als Ausdrucksmittel, meist um Missstände in Gesellschaft und Natur anzuprangern.

Gleich bleiben seine Themen: Gewalt, Tod, Liebe, Sexualität, Isolation, Entfremdung, Gefühlskälte. „Enttäuschung und Wut über die conditio humana“ hätten ihn ins Atelier getrieben, hat Nauman gesagt. Folglich scheut er kein Tabu, um ins Bewusstsein des Betrachters zu dringen.

In dem Video „Bouncing Balls“ (1969) lässt er eine Stunde lang seine Hoden auf dem Boden tanzen. In einem anderen Video, „Violent Incident“ (1982), bringen sich ein Mann und eine Frau nach heftigem Wortstreit gegenseitig um.

In Deutschland machte der US-Künstler 1968 bei der documenta 4 erstmals auf sich aufmerksam. Schon bald wurde er neben Joseph Beuys als einflussreichster und höchstdotierter Künstler gefeiert. Sein Neonobjekt „Violins Violence Silence“ (1981) erzielte 2009 bei der Sotheby’s-Auktion den Rekordpreis von vier Millionen Dollar (heute knapp drei Millionen Euro).

Nauman stammt aus einer Kleinstadt im Bundesstaat Indiana, Fort Wayne. Der studierte Mathematiker und Physiker lebt mit seiner Frau, der Künstlerin Susan Rothenberg, zurückgezogen auf einer Pferdefarm in den Bergen von New Mexico. Er ist leidenschaftlicher Jäger. 2009 wurde der von ihm gestaltete Pavillon der USA bei der Biennale in Venedig als bester Länderbeitrag gekürt. Eine Retrospektive auf vier künstlerische Jahrzehnte.

Auch hier baumelten kahlen Köpfe von der Decke. Sie waren nun teils aus Ton, teils versprühten sie aus Löchern Wasser in ein Bassin. Aber heiter war auch das keineswegs.

Von Bettina Fraschke und Gisela Ostwald, dpa

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