Agrarexperte Jürgen Heß ist Vielleicht-Vermittler

Jürgen Heß

Kassel. Das Wort „Vielleicht“ ist ein ambivalentes Wort für einen Wissenschaftler. Einerseits ist es das Gegenteil von gesicherten Ergebnissen, auf der anderen Seite ist der Zweifel auch Antrieb für die Forschung.

Für Jürgen Heß, Professor für Ökologischen Land- und Pflanzenbau an der Uni Kassel, ist die Unsicherheit ein Teil seiner Disziplin. „Natürlich wollen Wissenschaftler immer erklären“, sagt der 58-Jährige. „Aber auch das Ringen um den richtigen Weg, das Prinzip von Versuch und Irrtum gehören dazu.“

Deshalb unterstützt Heß auch die „Maybe-Education“, das Vielleicht-Vermittlungsprogramm der d13. Der Agrarwissenschaftler ist einer von einem Dutzend Experten, die die documenta unterstützen und auch die weltgewandten Begleiter der dTours geschult haben.

Wenn Jürgen Heß im Ottoneum zwischen Saatgutvitrinen und Kompost-Installationen steht, fühlt sich der Akademiker den documenta-Künstlern verbunden. Denn auch wenn er nicht jeden Ansatz der Werke unterschreiben würde, die Themen Biodiversität, Nachhaltigkeit und Ökologie sind auch für ihn Herzensangelegenheiten.

„Da gibt es eine beeindruckende Synergie“, erzählt Jürgen Heß. „Normalerweise spreche ich vor allem vor Landwirten und Kollegen. Die documenta hat eine ganz andere Reichweite, die ein breites Publikum anspricht.“

Für den Professor, der in Witzenhausen lehrt und wohnt, trifft die d13 mit ihrem Fokus auf Nachhaltigkeit eine der empfindlichsten Stellen unseres Lebensstils. „Wir fangen gerade erst an, die Brisanz der ökologischen Frage zu begreifen“, sagt er. „Es gibt immer noch Wissenschaftler, die daran glauben, dass zum Beispiel die Welternährungsfrage mit Genmanipulation zu lösen ist. Aber irgendwann müssen wir begreifen, dass wir nur mit der Erde leben können, und nicht gegen sie.“

Auch wenn die ökologische Landwirtschaft nicht gleich allen Pflanzen eine Seele zuspricht, plädiert Jürgen Heß für einen achtsamen Umgang mit den Ressourcen. Auch die im Ottoneum thematisierte Saatgutfrage und die Macht der Konzernriesen begegnen ihm in Forschung und Lehre. Inzwischen sind 20 seiner Witzenhäuser Studenten in die documenta involviert – und vergessen vor lauter Eifer, nach den Studienpunkten dafür zu fragen.

Nach einem Jahr documenta-Begleitung würde sich Jürgen Heß sogar gern etwas von einigen Künstlern abschauen. „Die Perspektive, dass man im Einklang mit der Natur leben kann, finde ich faszinierend“, sagt er. „Die Vernunft sagt mir, dass es nicht sofort zu 100 Prozent klappen kann, aber die Vision motiviert mich.“ Kann die Kunst also auch der Wissenschaft etwas beibringen? Vielleicht.

Heute trifft sich die Maybe-Education-Gruppe von 15 bis 18 Uhr im Bode-Saal des Ständehauses. Bei der öffentlichen Reflexion soll die bisherige Vermittlungsarbeit präsentiert und diskutiert werden. Auch documenta-Besucher sind ausdrücklich eingeladen.

Von Saskia Trebing

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