Heute ist der 150. Geburtstag des russischen Dramatikers und Erzählers Anton Tschechow

Erfinder des modernen Theaters

Flanieren mit Hündchen: Anton Pawlowitsch Tschechow an der Strandpromenade in Jalta, 1901. Foto:  dpa

Anton Tschechow gilt als Erfinder des modernen Theaters. Dass seine Stücke heute noch aktuell sind, uns etwas zu sagen haben, zeigt sich daran, dass sie in den Theatern dauerpräsent sind. Heute wird der 150. Geburtstag des russischen Dramatikers und Erzählers (1860-1904) begangen. Ein Alphabet zum Autor.

AVirginia Woolf nannte Tschechow den subtilsten Analytiker menschlicher Beziehungen. In seinen Werken seziert er, warum jemand einen anderen liebt oder nicht, was einen antreibt, und warum einer die Augen verschließt, anstatt zu handeln.

BIm Schwarzwald-Kurort Badenweiler starb der 44-Jährige am 15. Juli 1904 an der Schwindsucht.

CKurz vor seinem Tod ließ er sich der Legende nach vom Kurarzt noch ein Glas Champagner bringen.

DTschechow war ein Mann vieler Talente. 1884 wurde er in Moskau zum Doktor der Medizin promoviert und arbeitete auch als Arzt.

EEntfremdung ist ein Thema, das Tschechow in seinen Dramen und Erzählungen behandelt.

FTragikomischer Fehler bei Tschechows Bestattung: Die Trauergemeinde folgte aus Versehen einem falschen Sarg und wunderte sich, dass der Dichter Militärmusik spielen ließ - es handelte sich um einen General.

GIn den letzten Jahren hat Regisseur Jürgen Gosch (gestorben 2009) in Deutschland maßstabsetzende Tschechow-Inszenierungen geschaffen, etwa „Onkel Wanja“ mit Ulrich Matthes oder „Die Möwe“ mit Corinna Harfouch. Seine minimalistischen Inszenierungen in kargem Bühnenbild zeigen besonders die Verwundbarkeit, das Menschliche.

HTschechow war auch ein Humorist, seine Stücke nennt er Komödien, weil die Menschen keinen Durchblick durch ihr Leben haben. Und er filtert durch die Sorgen beißend komische Momente, wenn sich Onkel Wanja abrackert, den Gutsbesitzer Serebrjakow zu erschießen.

IEine Reise zur Insel Sachalin vor der sibirischen Küste war prägende Station in Tschechows Leben. Auf der Gefängnisinsel protokollierte er das Schicksal der Häftlinge. Die Veröffentlichung erzeugte politischen Druck, die Verhältnisse zu verbessern.

JAuch journalistisch war Tschechow aktiv. Gebrauchstexte für Zei-       tungen waren die ersten, mit denen er Geld verdiente - schließlich so viel, dass er seine große Verwandtschaft davon ernähren konnte. Ab 1880 schrieb er Geschichten. Bekannt ist etwa „Die Dame mit dem Hündchen“.

K„Der Kirschgarten“ (uraufgeführt 1904) ist eines der wichtigsten Dramen Tschechows. Darin ist die Ranjewskaja, Besitzerin eines Landguts, unfähig, darauf zu reagieren, dass die Lebensverhältnisse sich ändern. Sie kann nichts daran ändern, dass das Gut verkauft und der Kirschgarten abgeholzt wird - mythischer Ort einer unbeschwerten Vergangenheit. Olga Knipper hieß Tschechows Frau, eine Schauspielerin.

LDass Liebe meistens nicht gelingt, zeigt Tschechow vor allem in seinem Drama ...

M... die „Möwe“ (uraufgeführt 1896), worin eigentlich keiner zurückgeliebt wird - das Lieben zielt ins Leere.

NTschechow kam aus bescheidenen Verhältnissen - sein Vater Pawel hatte im südrussischen Taganrog einen Kramladen - Anton wurde aber ein wohlhabender Mann und reiste viel - auch an die Cote d’Azur ins mondäne Nizza.

O„Onkel Wanja“ (uraufgeführt 1897) heißt ein weiteres von Tschechows großen Dramen. Der Versuch des Verwalters Wanja, gegen die Besitzer aufzubegehren, die das Gut verkaufen wollen, verläuft im Sande: „Alles wird wie früher sein“, heißt es am Ende resigniert.

PDass Tschechow Beziehungen so genau beschreiben kann, wird auf seine Kindheit mit vielen Geschwistern in beengten Verhältnissen zurückgeführt - wo sein Vater streng herrschte und prügelte .

RNationaldichter Russlands - ja, aber wie patriotisch muss man dafür sein? Tschechow ließ sich politisch nicht vereinnahmen, blieb analytischer Betrachter. Seine Stücke und Erzählungen speisen sich aus der russischen Seele, dass sie heute zumeist unfolkloristisch inszeniert werden, zeigt jedoch, dass das Moderne, das Allgemeingültige überwiegt.

SIm Drama „Drei Schwestern“ (uraufgeführt 1901) bleibt die Sehnsucht nach der Großstadt Moskau (das heißt: nach echter Zukunft) unerfüllt, schließlich heißt es: „Die Zeit wird kommen, da werden wir alle erkennen, warum das alles. (...) Bis dahin jedoch muss man leben.“

TTschechow erkrankte 1884 an Tuberkulose und wusste, seit er 24 war, dass er früh daran sterben würde. Das Leben mit der Krankheit wird als Inspiration für seinen Blick auf die Leiden des Menschen gesehen.

UTschechows Stücke zeichnen ein Universum des Übergangs - Menschen sitzen im Wartestand auf ihren Landgütern und wissen, dass die alten Zeiten vorbei sind. Das Gefühl des Übergangs und der Unübersichtlichkeit ist auch für unsere Zeit prägend.

ZZeitgenössische Projekte: Dimiter Gotscheff inszeniert am Deutschen Theater Berlin eine Bühnenfassung der Erzählung von „Krankenzimmer No. 6“, die am 26. Februar Premiere hat, Volker Schmalöer bringt am Kasseler Staatstheater im Mai „Die Möwe“ heraus.

Von Bettina Fraschke

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