Ausstrahlung am Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

Erfinderin des Franken-"Tatort": "Ganz normale Polizisten"

Das neue „Tatort“-Team in Nürnberg: Die Kommissare Paula Ringelhahn (vorn von links, Dagmar Manzel) und Felix Voss (Fabian Hinrichs) mit den Kollegen Sebastian Fleischer (hinten von links, Andreas Leopold Schadt), Wanda Goldwasser (Eli Wasserscheid) und Michael Schatz (Matthias Egersdörfer). Foto: br

Dagmar Manzel und Fabian Hinrichs sind die Gesichter des neuen Franken-"Tatort", der Sonntag (20.15 Uhr) seine Premeire im Ersten hat. Wir sprachen mit der Erfinderin Stephanie Heckner (BR).

Vielen Dank, Frau Heckner. Sie haben den neuen Franken-„Tatort“ erfunden, in dem es endlich einmal Kommissare gibt, die nicht mit ihrem Tumor reden, Schreibtische kaputt hauen oder auf andere Weise kaputt sind. Würden Sie mir zustimmen, wenn ich sage: Paula Ringelhahn und Felix Voss sind zwei ganz normale Polizisten?

Stephanie Heckner: Ja, genau so wollten wir sie haben. Die Figuren sollten ihren Charakter nicht in Superlativen finden, sondern im ganzen Ernst der Alltäglichkeit. Damit waren wir uns mit den Hauptdarstellern einig, die sich auch im echten Leben gleich verstanden haben. Fabian Hinrichs kommt übrigens aus einer Polizistenfamilie und kennt das alles sehr gut.

Ist der Franken-Krimi noch mehr Regionalkrimi als zum Beispiel der Kieler „Tatort“, der ja auch in Rostock spielen könnte?

Stephanie Heckner

Heckner: Wir wollten auf jeden Fall das Regionalitätsprinzip des „Tatort“ wahren. Die Franken haben einfach ein anderes Wesen als die Münchner oder die Kieler. Ich selber bin im Siegerland geboren und eigentlich immer nur durch Franken durchgefahren. Und das war auch einer der ersten Sätze, die ich hier hörte: „Durch Franken fährt man durch.“ Das fand ich nicht sehr liebevoll, und es ist auch überhaupt nicht ratsam. Man sollte hier nicht durchfahren, sondern anhalten und mal aussteigen. Man wird dafür belohnt. Ein anderer Satz lautete: „Der Franke trägt den Pelz nach innen.“ Der Franke protzt nicht und wartet gern erst mal ab.

Wichtig war uns, dass das fränkische Wesen eine Rolle spielt. Und da gehört Dialekt dazu. Dialekt ist immer Persönlichkeit und Emotion. Ein hergestellter Dialekt macht Filme hingegen kaputt. Darum sprechen Ringelhahn und Voss kein Fränkisch, aber viele andere Figuren wie Matthias Egersdörfer als Leiter der Spurensicherung. In der Mordkommission Franken arbeiten alle auf Augenhöhe, auch die Kommissare mit den Hauptkommissaren. Das ist zeitgemäß.

Stimmt es, dass es den Franken-„Tatort“ nur gibt, weil die Franken mit dem München- „Tatort“ nicht zufrieden waren, wo sie angeblich als Deppen dargestellt wurden?

Heckner: Sie wollten vor allem ihren eigenen „Tatort“ haben. Zu recht. Aber 2003 gab es tatsächlich eine breite Diskussion nach dem Münchner „Tatort“. In „Der Prügelknabe“ spielte Thomas Schmauser an der Seite von Udo Wachtveitl und Miroslav Nemec einen Hauptkommissar aus Nürnberg. Viele empfanden diese Figur als dummes Abziehbild und in der Tat als Prügelknaben.

Wieso gibt es eigentlich so wenig normale Kommissare? Zum Beispiel solche mit einer intakten Familie?

Heckner: Da gibt es eine ganz banale Erklärung dafür. Wenn ich einen Kommissar mit seiner vierköpfigen Familie erzähle, muss ich als Autor gleich drei zusätzliche Figuren ernst nehmen und Zeit auf sie verwenden. Eine andere Erklärung ist, dass Figuren interessanter sind, wenn sie sich in einem konfliktreichen Umfeld behaupten müssen. Brüche machen das Leben und die Figuren spannend. Krisen sind immer emotionale Herausforderungen.

Es gibt jetzt 22 oder 23 „Tatort“-Teams. Schon beim Zählen kommt man durcheinander. Das ZDF hat im vorigen Jahr sage und schreibe 452 Krimis als Erstausstrahlung gezeigt. Nervt Sie die Krimi-Flut nicht auch manchmal?

Heckner: Wenn ich als Zuschauer verpflichtet wäre, das alles anzusehen, würde es mich nerven. Bin ich aber ja nicht. Ich habe die freie Wahl. Die besten Filme sind außerdem die, die einen beim Zusehen ihr Genre vergessen lassen. Wie Max Färberböcks „Sau Nummer vier“ oder der Münchner Tatort-Klassiker „Frau Bu lacht“ von Dominik Graf. Da vergisst man beim Zuschauen komplett das Genre und das Thema und ist einfach nur nah bei den Figuren.

Wer sind die Hauptdarsteller?

Renommierte Theaterschauspieler, die man auch aus dem Fernsehen kennt. Als Ensemblemitglied des Deutschen Theaters in Berlin war Dagmar Manzel (56) schon zu DDR-Zeiten ein Bühnenstar. Später wirkte sie in TV-Produktionen wie „Speer und Er“ mit. Fabian Hinrichs (40) stammt aus einer Polizistenfamilie und wird sowohl für seine Theaterauftritte wie in René Polleschs „Ich schau dir in die Augen, gesellschaftlicher Verblendungszusammenhang“ an der Berliner Volksbühne gefeiert als auch für seinen Kurzauftritt im Münchner „Tatort“ 2012. In der Folge „Der tiefe Schlaf“ spielte er den nervenden Assistenten Gisbert so eindrucksvoll, dass Tausende Fans nach seinem Filmtod per Online-Petition seine Rückkehr forderten.

Zur Person: Stephanie Heckner studierte Germanistik, Deutsch als Fremdsprache sowie Philosophie und promovierte 1989 an der Universität München. Die 52-Jährige ist als Redakteurin des Bayerischen Rundfunks unter anderem für den "Tatort" verantwortlich. Sie betreute auch Dominik Grafs viel gelobte Serie "Im Angesicht des Verbrechens". 

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