Erfinderin des TV-Formats "Weissensee": „Es ist mehr als eine Soap“

Keine glückliche Familie im Wendeherbst 1989: Die Kupfers mit (von links) Lisa (Saskia Rosendahl), Martin (Florian Lukas), Marlene (Ruth Reinecke), Hans (Uwe Kockisch), Falk (Jörg Hartmann), Sonja (Maja Brandau) und Roman (Ferdinand Lehmann). Foto: ard

Als "Dallas in der DDR" war die ARD-Serie "Weissensee" ein Publikumsrenner. In der Fortsetzung geht es nun um den Mauerfall. Die beste deutsche Serie ist noch besser geworden.

Am Dienstag und an den zwei folgenden Abenden sollte man sich nichts vornehmen: Das Erste zeigt in drei Doppelfolgen die dritte Staffel „Weissensee“, die als beste deutsche Serie gilt. 2010 und 2013 fesselte die Geschichte um die Stasi-Familie Kupfer ein Millionenpublikum. Die neuen Folgen beginnen mit dem Mauerfall am 9. November 1989 und enden mit der Stürmung der Stasi-Zentrale im Januar 1990. Wir sprachen mit der Serienerfinderin Annette Hess (48).

Frau Hess, Sie haben „Weissensee” als „Dallas in der DDR” bezeichnet. Für Hauptdarsteller Jörg Hartmann ist es dagegen „Romeo und Julia”. Ist „Weissensee” nun Seifenoper oder Shakespeare? 

Annette Hess: In „Weissensee” geht es tatsächlich um eine mächtige Familie im Sozialismus. Die Ehefrau des Bösen säuft sogar, was eine augenzwinkernde Parallele zu „Dallas” ist. Aber ich habe den Anspruch, dass „Weissensee“ viel mehr ist als eine Soap. Die Serie lebt von den Widersprüchen in den Figuren, die so komplex handeln wie echte Menschen.

Zentrale Figur ist der Stasi-Hardliner Falk Kupfer. Gab es jemals einen solch abgründigen Bösewicht im deutschen TV? 

Hess: Da fällt mir auf Anhieb nur Klaus Kinski in den Edgar-Wallace-Filmen ein. Jörg Hartmann spielt ihn als dämonischen Typen, der wahnsinnig verbissen um die Liebe seines Vaters kämpft. Man versteht ihn. Doch der Vater wird seinen Bruder Martin immer vorziehen. Falk ist eine arme Sau, aber gefährlich. Von armen, ungeliebten Würstchen - das wissen wir aus der Geschichte - geht immer die größte Gefahr aus.

In der dritten Staffel ist Falk am Mord eines Pfarrers und Oppositionellen beteiligt, der auch noch der Freund seiner Ex ist. Wie realistisch ist der Plot? 

Hess: Den Fall gab es so nicht, aber das Szenario ist für den Herbst 1989 realistisch. Es herrschte eine ungeheuer aufgeladene Stimmung. Die Bürger ließen sich immer weniger gefallen. Die Stasi-Mitarbeiter standen unter einem ungeheuren Druck. Niemand wusste, ob hier nicht bald eine Bombe explodieren würde. Dieser Druck entlädt sich in der Serie in dem Tod. Behördenmitarbeiter des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen haben übrigens alle unsere Bücher gegengelesen.

Was kann man dem Mauerfall noch Neues abgewinnen? 

Hess: Wir haben uns an Billy Wilder gehalten, der gesagt hat: „Beginne mit einem Erdbeben und steigere dich dann langsam.” Bei uns ist der Knall der Mauerfall, der eine Lawine auslöst, und in der manche Figuren unterzugehen drohen. Wir wollten nicht schon wieder tanzende Menschen auf der Berliner Mauer zeigen. Daher gibt es eine westdeutsche Journalistin, die den Mauerfall verschläft. Im Übrigen gibt es zwar viele Filme über den Mauerfall, aber die Wochen und Monate danach sind bislang ganz wenig behandelt worden.

Ist es nicht ungewöhnlich, dass mit Ihnen und Regisseur Friedemann Fromm zwei Wessis zeigen, wie das Leben in der DDR war? 

Hess: Man kann auch als Wessi eine DDR-Serie schreiben. Man muss eben eine besondere Lust haben, sich in diesen Kosmos hineinzubegeben. Es ist ja nicht so, dass die, die alles hautnah erlebt haben, auch am besten davon erzählen können. Das aufschlussreichste Buch, das ich über die sterbende DDR gelesen habe, ist von einer Australierin. Aus Anna Funders „Stasiland” habe ich mehr über die DDR erfahren als aus allen direkten Berichten.

Sie haben „Weissensee” erfunden. Die zweite Staffel hat Regisseur Fromm ohne Sie umgeschrieben. Nun haben Sie sich die Folgen geteilt. Das klingt, als sei es zwischen Ihnen hoch hergegangen wie bei den Kupfers. 

Hess: Wir haben uns auf jeden Fall kreativ auseinandergesetzt. Bei der ersten Staffel hat man mir freie Hand gelassen. Nachdem die ein großer Erfolg geworden war, wollten bei dem Nachfolger alle noch einen draufsetzen. Es entstand ein hoher Druck und nicht alles lief reibungslos.

Kritiker klagen oft über das deutsche Fernsehen. Wünschen Sie sich von den TV-Verantwortlichen auch mehr Mut? 

Hess: Als Autor kann man es sich leicht machen. Wenn man eine mittelprächtige Idee mit unausgegorenen Figuren abliefert, die abgelehnt wird, sagt man, es liege am fehlenden Mut des Senders. Ich finde, man muss schon den erzählerischen Gesetzen folgen. Man sollte den Zuschauer nicht ignorieren. Darum erzählen wir bei „Weissensee“ mit konventionellen Mitteln eine unkonventionelle Geschichte aus einer Zeit, für die sich sonst kaum einer interessiert hätte.

In den USA sind Autoren von Serien wie “Breaking Bad” Stars. Wieso schauen hierzulande alle nur auf die Regisseure? 

Hess: Das ist zunächst eine Frage der Präsenz. Die Regisseure sind vor Ort, arbeiten über Wochen mit einer großen Crew, mit den Schauspielern. Der Autor ist dagegen nur ein Name auf dem Drehbuch. Ich habe irgendwann begriffen: Wenn ich als Autorin gesehen werden will, muss ich mich auch zeigen - auch wenn es schwierig ist, da man zu Premieren oder Presseterminen manchmal gar nicht eingeladen wird. Die Autoren, die Sie erwähnen, bleiben alle nicht in ihrem stillen Schreibkämmerlein, sondern haben bis zum Schluss die künstlerische Oberhand über ihre Serien. Sie verantworten die bestmögliche Umsetzung ihrer Vision, sind "Creator", Schöpfer. Das muss man als Autor auch wollen. Und man muss auf Produzenten und Redakteure treffen, die das Potenzial dieser Produktionsweise erkannt haben.

Wie kommen die Regisseure mit dem Machtverlust klar? 

Die ersten beiden Folgen der neuen Staffel sind online zu finden.

Hess: Wenn sie genug Selbstvertrauen in ihre eigene künstlerische Gestaltungskraft haben, sehen sie das nicht als Machtverlust, sondern profitieren von dem kreativen Austausch. Im Moment arbeite ich mit der Ufa an dem ZDF-Dreiteiler “Ku’damm 56” über Frauen in den 1950er-Jahren. Ich fungiere als eine Art Showrunner. Das heißt, ich bin in den Drehprozess involviert, tausche mich mit dem Regisseur und mit den Schauspielern aus und gestalte meine Vision der Geschichte weiterhin mit. Mir gelingt natürlich auch nicht immer das Gelbe vom Ei. Aber der Autor hat die beste Übersicht über seine Geschichte. Und er kennt die Figuren länger als jeder andere.

Zur Person

Annette Hess 

Geboren: am 18. Januar 1967 in Hannover

Ausbildung: Studium Szenisches Schreiben an der Universität der Künste in Berlin

Beruf: Drehbuchautorin

Wichtigste Filme und Serien: „Was nützt die Liebe in Gedanken“ (2004), „Die Frau vom Checkpoint Charlie“ (2007), „Weissensee“ (ab 2010) sowie mehrere „Polizeiruf“-Folgen. Derzeit arbeitet Hess an der Serie „Ku’damm 56“ mit Claudia Michelsen und Heino Ferch, die im Frühjahr 2016 im ZDF laufen soll.

Privates: Die Mutter zweier Töchter lebt mir ihrer Familie im Weserbergland in der Nähe von Hameln.

Die Serie „Weissensee“: Läuft Dienstag, Mittwoch und Donnerstag (jeweils 20.15 Uhr) im Ersten.

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