Rückblick 2011: Das Kino überwindet sein Vorjahrestief

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Filmhits des Jahres (oben, von links): Colin Firth als König George VI. in „The King’s Speech“, Tanzszene aus Wim Wenders „Pina“, Natalie Portman in „Black Swan“, Kristen Wiig in „Brautalarm“, unten: Robert Pattinson und Kirsten Stewart in „Twilight 4“, Til Schweiger und seine Tochter Emma in „Kokowääh“ sowie Johnny Depp und Penelope Cruz in „Pirates of the Caribbean 4“.

Das große Erzählkino trumpft auf, 3D emanzipiert sich vom Spektakel, Komödien richten sich ans erwachsenere Publikum und am allermeisten punkten bei den Zuschauern immer noch die Fortsetzungen der Filmmehrteiler. So lässt sich das Kinojahr 2011 zusammenfassen.

Das Finale der „Harry-Potter“-Saga und der vierte Streich der „Fluch der Karibik“-Piraten führen demnach die deutschen Kinocharts an - gefolgt von dem Mann, der ein Garant für Quote ist: Til Schweiger mit seinem harmlosen Familienfilm „Kokowääh“, der 4,3 Millionen anlockte. Auch die Vampirliebe aus dem vierten „Twilight“-Aufguss füllte die Säle. Insgesamt wurden in den deutschen Kinos 130 Millionen Karten verkauft und 930 Millionen Euro umgesetzt. Der Marktanteil des deutschen Films wird vom Verband der Filmverleiher auf 20 Prozent geschätzt. Kartenverkaufszahlen und Umsatzkurve stiegen im Vergleich zum Vorjahr leicht an, wo es ein dickes Besucherminus gegeben hatte.

Das Umsatzplus rührt vom gestiegenen Anteil an 3D-Produktionen auf den Leinwänden, für die höhere Eintrittspreise fällig werden. Seit diesem Jahr ist 3D aber nicht mehr nur heiß ersehnter Umsatzbringer fürs Kino: Jenseits des Action- und Trickfilms hat sich die neue Technik auch für andere Formate etabliert. Wim Wenders hat für seinen poetischen Dokumentarfilm „Pina“ über das Tanztheater der Wuppertaler Choreografin Pina Bausch den Europäischen Filmpreis erhalten - und nebenbei das anspruchsvolle Kino mit der Technik versöhnt.

Überhaupt: Anspruch. Trotz allem lärmigen und schnellen Spektakel, das im Film immer seinen Platz und sein Publikum haben wird, hat das Kino im Jahr 2011 bewiesen, dass die großen Geschichten nach wie vor seine größten Trümpfe sind: Dafür stehen dieses Jahr die preisgekrönten Regiearbeiten „The King’s Speech“ und „Black Swan“ - das hochkarätig besetzte und altmodisch gefilmte Porträt des Königs George VI., der nicht nur sein Stottern überwinden muss, und die visuell aufregende Geschichte einer Balletttänzerin, die mit ihrer Doppelrolle als weißer und schwarzer Schwan derartig zu kämpfen hat, dass sie zwischen Realität und Psychoentgleisung nicht mehr unterscheiden kann.

Auch Arbeiten wie der deprimierende Drogenfilm „Winter’s Bone“, der Coen-Western „True Grit“, der exzentrische „Melancholia“, Polanskis „Der Gott des Gemetzels“ und trotz seiner Actionanteile auch der subtil entwickelte „Planet der Affen - Prevolution“ stehen für diesen Triumph des Erzählens.

Auch am anderen Ende des Anspruchsspektrums tut sich etwas: Die Filmfirmen haben erkannt, dass nicht nur das Teenager-Publikum deftige Komödien liebt, sondern auch Menschen, die beim Alkoholkauf nicht mehr nach ihrem Ausweis gefragt werden. „R-rated Comedies“ nennt sich dieser Trend, nach der fehlenden Freigabe für Jugendliche. Die Zotenansammlung „Hangover 2“, „Bad Teacher“ mit Cameron Diaz und der fürs Genre erstaunlich intelligente Film „Brautalarm“ stehen für diesen Trend. (mit dapd)

Und dann war da noch ...

Taschentuchalarm des Jahres: Andreas Dresen geht in „Halt auf freier Strecke“ über einen Mann, der am Hirntumor stirbt, so weit, wie das Kino sonst nicht geht. Wie er das Leid der Familie zeigt, ist so bewegend, dass ganze Kinosäle schluchzen.

Überraschendste Selbstironie: Til Schweiger ist ja bisher nicht als Mann aufgefallen, der auch über sich selbst lachen kann. Umso beachtlicher, wie Simon Verhoeven ihn in seiner netten Komödie „Männerherzen 2“ dazu bringt, auf einem winzigen Pony im Kreis zu trotten, um eine Frau zu erobern. So viel Selbstironie hätten wir ihm nie zugetraut.

Enttäuschung des Jahres: Normalerweise wird ja alles Gold, was Steven Spielberg anfasst. Aber die „Tim und Struppi“-Adaption für die große Leinwand blieb seelenlos und flach.

Darsteller des Jahres: Andy Serkis gibt dem Affen Caesar nicht nur seinen Blick, er gibt ihm auch seine Seele. In „Planet der Affen - Prevolution“ zeichnet er so ein eindringliches Porträt des hochintelligenten Primaten, dass man dieser Spezies die Weltherrschaft gönnt.

Darstellerin des Jahres: Kirsten Dunsts entsetzter Blick bei Lars von Triers Pressekonferenz zu „Melancholia“ bei dessen Nazi-Vergleich ist unvergessen. Aber noch mehr ist es ihre Darstellung der depressiven Justine, die sich bewegt wie watend in zähem Schlamm.

Überzeugendstes Experiment: Gore Verbinski hatte genug vom Regieführen bei „Fluch der Karibik“. Er drehte den Animationsfilm „Rango“, der einen Western in der Echsenwelt erzählt, wo die Welt so trocken ist, dass die Viecher ihr Wasser auf die Bank bringen. Sehr schräg, weit weg von Disney-Kitsch.

Schönste Verliebtheit: Tom Hanks verabschiedet sich im Krisen-Durchhaltefilm „Larry Crowne“ von Julia Roberts an ihrer Tür und führt dann ein Freudentänzchen der Verliebtheit auf. Nicht ahnend, dass sie ihn durch den Spion sieht.

Kauderwelsch des Jahres: Die SamdereliSchwestern entwarfen für ihre Multikulti-Komödie „Almanya - Willkommen in Deutschland“ eine Sprache. Die sollte so klingen, wie die türkischen Migranten in der neuen Heimat das Deutsche erlebten. Wirkungsvoll und sehr witzig.

Sehnsuchtsort des Jahres: Woody Allen zeigt in „Midnight in Paris“ eine Zeitreise in die 20er-Jahre. Und diese flirrende, rotweinselige Charleston-Welt ist ein wirklich magischer Ort. (fra)

Was 2012 kommt

Auf der Leinwand

„Der Hobbit“, das neue Fantasyabenteuer von Peter Jackson gilt in Fankreisen schon als Filmhöhepunkt 2012. (13.12.)

James Bond: Sam Mendes inszeniert „Skyfall“, den Bösewicht spielt Javier Bardem. (1.11.)

Schweden-Spannung: Stieg Larssons Thriller „Verblendung“, neu adaptiert von „Fightclub“-Meister David Fincher (12.1.).

Alle Superhelden des Marvel-verlags in einem Film: „The Avengers“ retten die Welt. (1.5.)

Aufgemotzt: Zum 100-Jährigen läuft die „Titanic“ in 3D nochmal vom Stapel (5.4.).

Hinter der Leinwand

Das Thema Digitalisierung beschäftigt die Branche. Knapp die Hälfte der bundesweit 4650 Leinwände ist schon auf die neue Abspieltechnik umgerüstet (80 000 Euro pro Kino). Kulturstaatsminister Bernd Naumann kündigte an, den kleinen Kinos mit 20 Millionen Euro Bundesmitteln dabei zu helfen, um ihr Überleben zu sichern. (fra)

Von Bettina Fraschke

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