Erfrischende Früchte

In Kassel hatte die Oper „Die Liebe zu den drei Orangen“ Premiere

Lerne klagen, ohne zu leiden: Tobias Hächler (vorn) ist der Prinz, der an „hyopochondridiotischer Verschleimung“ leidet. Johannes An als Spaßmacher Truffaldino scheint ratlos. Fotos: Klinger

Kassel. Die Publikumsgeschmäcker sind verschieden. In Sergej Prokofjews Oper „Die Liebe zu den drei Orangen“ sind die Zuschauer Teil des Stücks und fein säuberlich in vier Fangruppen unterteilt, die sich lautstark wahlweise eine Tragödie, eine Komödie, eine Romanze oder eine Posse wünschen.

Letztlich ist Prokofjews betont antirealistische Oper aus dem Jahr 1921 eine Posse, bei der allerdings auch die Liebhaber der anderen Genres nicht leer ausgehen. Regisseur Dominique Mentha lässt das personalaufwendige Stück mit immerhin 16 solistischen Rollen in einem Zirkusrund spielen – und da passt es auch wunderbar hin.

Dennoch braucht die an den Stil der alten Commedia dell’arte angelehnte Oper hier etwas Zeit, um in Fahrt zu kommen. Dass der scheinbar unheilbar melancholische Prinz (Tobias Hächler) mit dem recht harmlosen artistisch-clownesken Schabernack des Spaßmachers Truffaldino (Johannes An) und seiner Truppe nicht so einfach aufzuheitern ist, mag da nicht verwundern.

Spannender sind zunächst die Bösen, die den Thronfolger ausschalten wollen: der babyhaft kugelige Minister Leander (Hansung Yoo), die machthungrige Prinzessin Clarisse (Ulrike Schneider), die geheimnisvolle Smeraldina (Maren Engelhardt, hier als Trapezkünstlerin) sowie vor allem die böse Zauberin Fata Morgana (Inna Kalinina), die den Prinzen, nachdem er sich über ihr Stolpern herzhaft vor Lachen ausgeschüttet hat (Beethovens Fünfte stand beim „Hahaha-Haa“ Pate), mit einem Fluch belegt: Er muss sich in die drei Orangen verlieben, die von der furchtbaren Köchin Creonta bewacht werden.

Und hier wird’s grandios: Wie der tiefe Bass Hee Saup Yoon (der auch den König gibt) die gewaltige und gewalttätige Köchin singt und spielt, die angesichts eines Zauberbändchens plötzlich kindisch und schwach wird, ist ein großes Vergnügen. Ein sympathischer Zug dieser Inszenierung ist das lockere Spiel mit der Illusion: Nachdem aus den drei Orangen drei Prinzessinnen geschlüpft sind, von denen zwei sogleich verdursten, erheben sich die beiden Toten umgehend wieder und nehmen den Beifall der Bühnen-Zuschauer entgegen: Es ist eben alles nur (Zirkus-) Show. Dazu gehören aber zwingend die wirkungsvolle Zirkusbühne Werner Hutterlis und die opulenten, fantasievollen Kostüme von Anna Ardelius.

Beeindruckend ist die Kehlen-Artistik, allen voran vom hellen, wenn’s sein muss auch durchdringenden Tenor Tobias Hächler als Prinz. Auch Johannes An als agiler Truffaldino, Inna Kalinina als gehässige Fata Morgana und Ani Yorentz als bezaubernde Prinzessin Ninetta sowie der flexibel agierende Chor seien genannt,

Mindestens so eindrucksvoll wie das Geschehen auf der Bühne ist aber der Soundtrack, den Generalmusikdirektor Patrik Ringborg und das Staatsorchester im Graben erzeugen. Rhythmisch äußerst prägnant, vielfarbig und mitunter in (dynamisch) kontrollierter Ekstase treibt das Orchester die Handlung voran und hinterlässt mit dem berühmten Marschthema auch noch einen Ohrwurm. Herzlicher Beifall im voll besetzten Opernhaus.

Wieder am 12. und 27. März, Karten: Tel. 0561 / 1094-222.

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