Dennis Kellys „Taking Care of Baby“ in deutscher Erstaufführung

Erfundene Wahrheit

Schmerz und Verzweiflung: Meike Droste als junge Mutter, die ihre Kinder verloren hat. Foto: Drama

Berlin. Eine junge Mutter ist angeklagt worden, ihre beiden Babys ermordet zu haben, sie wird ein Fall für die Sensationspresse. Schließlich wird die Frau freigesprochen. Ein Psychiater erfindet eine angeblich wissenschaftliche Theorie: Er erklärt Donnas vermeintliche Taten damit, dass sie den Belastungen einer Welt voller Katastrophen und Kriege, wie sie sich im Fernsehen darstellt, seelisch nicht standhalte.

Der 39-jährige Londoner Erfolgsautor, und mit ihm der Zuschauer, weiß, dass diese Frau unschuldig ist. Kelly hat sich von Fällen in England anregen lassen, bei denen Mütter zu Unrecht angeklagt waren, ihre Kinder getötet zu haben, und wegen der Aussagen eines Arztes verurteilt wurden.

Das Stück ist Fiktion

Dennis Kelly liebt das Spiel mit der Fiktion. Bei „Taking Care of Baby“ (Kindersorgen) ist das Stück selbst Fiktion. Es soll wie ein Dokumentardrama wirken. Der Autor bringt sich selbst als der Befrager ins Spiel. Dass es sich dabei um eine Täuschung handelt, soll dem Betrachter erst allmählich klar werden. Regisseur Sascha Hawemann verkürzt in den Kammerspielen des Deutschen Theaters in Berlin die Intentionen des Autors. Die wichtige Rolle eines Reporters, der die Rolle der Medien an diesem Fall verkörpert, ist gestrichen.

Dabei ist Kellys Stück perfekt konstruiert und liest sich spannend wie ein Thriller. Von „Theater heute“ wurde es zum besten ausländischen Stück deklariert. Hawemann misstraut ihm aber. Wenn dieser Abend dennoch eine Wirkung hat, liegt es an der Kraft der beiden Hauptrollen. Meike Droste spielt mit den Mitteln des Einfühlungstheaters diese junge Mutter, die ihre Kinder verloren hat, ihren Schmerz, den Horror im Knast und ihre Verzweiflung. Auf der anderen Seite sieht man Barbara Schnitzler als die Mutter dieser Frau, eine taffe Politikerin. Sie glaubt nicht eindeutig an die Unschuld ihrer Tochter. Das Neben- und Ineinander der privaten und öffentlichen Geschichte macht den Abend sehenswert.

Wieder am 3., 11., 22. Februar. Kartentel.: 030 / 284 41 225

Von Peter Hans Göpfert

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