Ergriffenheit oder Selfie-Wahn: Das Buch „Ist das Kunst oder kann das weg?“

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Kunst aus Schrott: Lara Favarettos „Momentary Monument IV“ am Kasseler Hauptbahnhof bei der documenta 13.

Der aus Kassel stammende Christian Saehrendt und Steen T. Kittl ziehen witzig und tiefgründig Bilanz über Museen und Markt angesichts von Kuratorenhype und Sammlerdruck

In knallvoller U-Bahn hören wir per Kopfhörer Musik, Literatur schmökern wir zum Schirmchendrink am Strand. Doch wenn es um Kunst geht, haben wir immer noch die Vorstellung, dass man ehrfürchtig durch ein Museum schleichen muss, um die Aura von Meisterwerken zu spüren. Oder dass man sich in Blockbuster-Ausstellungen drängt, bei denen die Kunst in den (Selfie-)Hintergrund gedrängt wird. Wie kommt es, dass unser Umgang mit Kunst einerseits überkommenen Mustern anhängt, und andererseits so ferngesteuert ist?

Christian Saehrendt

Mit diesen Fragen beschäftigt sich das neue Buch der Kunsthistoriker Christian Saehrendt und Steen T. Kittl. Wieder sehr pointiert und witzig geschrieben, wieder thematisch etwas ausfransend. „Ist das Kunst oder kann das weg?“ – Die hübsch plakative Frage vom Titel (die auf ein früheres Werk des aus Kassel stammenden Autors Saehrendt verweist) wird hier wörtlich genommen und auf erhellende Weise diskutiert.

Was Kunst ist

Gar nicht leicht zu sagen in Zeiten, wo ein Künstler irgendwas per Zuweisung dazu erklären kann. Daher rührt auch die leichte Aggressivität der häufig verwendeten Titelfrage, so die Autoren, weil Betrachter unsicherer werden, ob sie gerade ein Kunstwerk übersehen, wenn Plunder vor ihnen liegt. Zu den vielen Beispielen gehört Martin Kippenbergers Arbeit „Wenn’s anfängt durch die Decke zu tropfen“, wo eine Putzfrau 2011 versehentlich einen Kalkfleck entfernt hatte, der aber Teil der Arbeit war, oder Piero Manzonis Projekt, Künstler-Fäkalien in Dosen abzufüllen.

Kunst muss sich in einem immer härteren Wettbewerb mit anderen Konsum- und Freizeitangeboten behaupten. Dazu kommt: Es entsteht immer mehr Kunst, die in immer mehr Museen gezeigt wird. Unverständlicherweise, und hier äußern die Autoren deutlich Kritik, ließen sich die Museen von Sammlern und Stiftern knebeln, anstatt selbst die Bedingungen etwa einer Schenkung zu bestimmen. Das führe zu Abhängigkeiten und dem Risiko, dass die Stammausstellung unattraktiver wird, etwa weil sie nicht verändert werden darf, auch wenn sich das Publikumsinteresse ändert. Beispiel: Hamburger Bahnhof in Berlin.

Wie der Markt tickt

Immer schneller, hochpreisiger. Kunst ist Investitionsgut, das vermehrt in Zollfreilagern aufbewahrt wird.

Wie Kuratoren ticken

Diametral anders als der Markt, aber in ihrem eigenen „Rummel mit Rockstar-Kuratoren und Theoriegeklüngel“. Da Kunst als solche immer schwerer erkennbar sei, werde ein theoretischer Überbau wichtiger. Biennalen entstehen zuhauf als „Bühnen eines kitschigen Theorie- und Polittheaters“. Kuratoren pressen das Kunsterleben der Zuschauer durch Theorievorgaben in enge Bahnen.

Anders, aber auch rätselhaft, d14-Leiter (2017) Adam Szymczyk, der bei der Tagung in Kassel zum 60. Geburtstag der documenta statt des erwarteten Statements zu seiner Schau Flamenco spielen ließ, aus dem Tagebuch eines Flüchtlings las und einen Film zum arabischen Frühling zeigte.

Warum Müll Kunst wird

Weil Müll so schön das Thema Umgang mit Ressourcen symbolisieren kann. Leicht süffisant streifen die Autoren Probleme mit der Archivierung, wenn viel Kunst aus verrottbarem Material entsteht. Absurde Trendentwicklung: Die Radikalität, die einst aus der Verwendung von Müll-Material erwuchs, weicht „gefälligem Dekokitsch“, wenn viele damit arbeiten. Lob gibt es allerdings für Lara Favaretto, die auf der documenta 13 einen Schrotthaufen zeigte, dessen Vernichtung – Rückverwandlung von Kunst zu Müll – sie nach Ausstellungsende selbst überwachte.

Wie Museen dastehen

Problematisch. Einerseits wegen der Schenkervorgaben, andererseits wegen des Tabus, über Ab- und Neubewertung zu sprechen. Es müsse für ein Museum möglich sein, so die Autoren, Kunst zu verkaufen – wenn vom Erlös die Sammlung passender ergänzt werden kann. Und weil sich Präsentationsformen erneuern müssen. Jenseits von Weihe und Event.

Was geschehen muss

Wir alle, so das Plädoyer von Saehrendt/Kittl, können uns Kunst zurückerobern. Dann wird Kunst von Theorieklimbim und Marktdruck befreit. Sich austauschen, eine Meinung bilden, und ein Journal mit Erinnerungen anlegen: das persönliche Museum.

Christian Saehrendt/Steen T. Kittl: Ist das Kunst oder kann das weg?, Dumont, 240 Seiten, 19,99 Euro, Wertung: !!!!!

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