Ruth Klüger veröffentlicht Gedichte mit Kommentaren

Erklärung inklusive

Gedichte sind oft schwer zu verstehen, stellen sich nicht selten als hermetisch dar und sind fast immer voller Rätsel. Das trifft für zeitgenössische Lyrik häufig noch stärker zu als für ältere Werke. Muss das so sein?

Das, womit sich seit Generationen Schüler im Deutschunterricht befassen und zum Teil herumplagen – Gedicht-Interpretationen – das hatte der im vergangenen Jahr verstorbene Literaturpapst und Autor der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Marcel Reich-Ranicki, zum journalistischen Dauerbrenner geadelt und in Buchform als „Frankfurter Anthologie“ zum Bestseller gemacht. Denn so wird ein bequemer Schuh draus: Wenn man das Gedicht in seiner ganzen, hermeneutischen Schönheit lesen kann und daneben eine subjektiv gefärbte Interpretation. Beides paart sich zur Verständnis-Einheit.

Die in Kalifornien und in Göttingen lebende Autorin und Literaturprofessorin Ruth Klüger (82) war eine fleißige und kundige Mitarbeiterin Reich-Ranickis. So geprägt, liefert sie mit ihrer jüngsten Veröffentlichung, ihren autobiografischen Gedichten „Zerreißproben“ ebenfalls gleich die Interpretationen mit.

Das ist eine literarische Besonderheit. Klüger spricht im Vorwort gar von Tabubruch. Doch so weit muss man nicht gehen, um diese – im Nachhinein unverzichtbar erscheinenden Verständnishilfen – wertzuschätzen. Es ist schlicht praktisch für den Leser, ohne die Ästhetik der Gedichte in unterschiedlicher Erscheinung, vom Sonett bis zur freien Form, zu beeinträchtigen. Nur eines ist auf diese Weise unmöglich: die Gedichte zu lesen, ohne die Verfasserin im Hinterkopf zu haben.

Klüger, geboren 1931 in Wien, die als Kind das KZ Auschwitz überlebte, gilt seit ihrer Autobiografie „Weiter leben“ (1992) als Erfolgsautorin. Nicht nur diese biografische Tatsache muss ein Leser der 34 Gedichte, die sich chronologisch zur Lebensgeschichte zusammenfügen, als Hintergrund wissen. Selbst bei den beiden Schlafliedern, die sie für ihre Söhne schrieb, hat es Sinn zu wissen, dass Klügers Muttersprache Deutsch mit der schweren Bürde des Holocaust belastet war und sie mit ihren Kindern englisch sprach.

Interessant übrigens, dass Reich-Ranickis Nachfolgerin für die „Frankfurter Anthologie“, die Literaturwissenschaftlerin Rachel Salamander, als neues Konzept ebenfalls Lyriker ihre Gedichte selbst interpretieren lässt.

Ruth Klüger: Zerreißproben – Kommentierte Gedichte, Zsolnay, 119 S., 14,90 Euro, Wertung: !!!::

Von Christina Hein

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