Regie und Gesang überzeugen: Jubel für „Parsifal“ in Bayreuth

Erlösung im Jesus-Look

Atemberaubende Bilder: Kwangchul Youn (Gurnemanz), Susan Maclean (Kundry) und Simon O’Neill (Parsifal). Foto:  Festspiele/nh

Bayreuth. Das Festspielhaus als buhfreie Zone: Der vierte Festspielabend war im diesjährigen Premierenzyklus der erste komplett ohne Missfallensbekundungen. Stefan Herheims Regiekonzept für den „Parsifal“ überzeugte auch in der Wiedervorlage, Simon O’Neill als Neuer in der Titelrolle kassierte viel Jubel für seine ausdrucksstarke Leistung, seinen großen, strahlenden Tenor, der besonders im zweiten Aufzug nach dem schicksalsschweren Kundry-Kuss noch aufzublühen schien. Zumindest optisch hat O’Neill es nicht leicht, muss doch der Parsifal in Herheims Lesart in der ersten Hälfte des Bühnenweihfestspiels kurzbehost im Matrosenanzug herumgeistern, um sich dann in einen langmähnigen Jesustypen zu verwandeln, der mit seinem Wallegewand daherkommt wie aus einem Bibelfilm.

Es beeindruckt nach wie vor, mit welcher Präzision Stefan Herheim seinen überquellenden Zettelkasten der Assoziationen in Richard Wagners kunstreligiöses Spätwerk einpasst.

Zwei Geschichten entwickelt der preisgekrönte Norweger: Die eines Jungen in (inzestuöser) Verstrickung mit der Mutter, die bei seinem Heranwachsen im zentral auf der Bühnenmitte postierten Bett dauerpräsent bleibt. Und die der Aufführungsgeschichte des „Parsifal“, die Herheim in Beziehung setzt zur Geschichte Deutschlands von Richard Wagners Tagen bis zur Gründung der Bundesrepublik.

Hier will einer viel – und es gelingt ihm. Dabei werden die Regietheater-Elemente präzise mit der Musik und der Erzählhandlung in Einklang gebracht. So stärken sich die Soldaten, die in den Ersten Weltkrieg ziehen, am Gralskelch auf dem Altar, wo gerade das Abendmahl gefeiert wurde.

Optische Klammer ist das atemberaubende Bühnenbild von Heike Scheele und die Lichtregie Ulrich Niepels. „Zum Raum wird hier die Zeit“ heißt es in der Grals-Geschichte – auf der Festspielhausbühne ist diese Idee sinnlich zu erleben: Permanent verwandelt sich die Kulisse, wird Innenraum zu Außenraum wie in einem Vexierbild, dass man sich kaum zu blinzeln traut.

Dem entgegen steht das überdeutliche Dirigat von Daniele Gatti, der den Raum gerade nicht zu durchschreiten scheint. Bei zwar überirdischen Pianissimo-Stellen fehlt musikalisch bisweilen der Blick nach vorn. Kwangchul Youn trägt als Gurnemanz mit seinem tiefen, voluminösen Bass das Fundament für den ersten Aufzug. Susan Maclean ist eine ausdrucksstarke, anrührende Kundry, Thomas Jesatko ein mephistophelischer Klingsor und Detlef Roth lässt als Schmerzensmann Amfortas seinen Bariton warm leuchten.

Von Bettina Fraschke

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.