Mozarts Prager Sinfonie und Mahlers Vierte im Sinfoniekonzert

Im Ernst - mit Ironie

Ein Abend mit Mozart und Mahler: Patrik Ringborg dirigiert das Staatsorchester Kassel. Foto: Schachtschneider

Kassel. Wenn ein Fußballspiel in der letzten halben Stunde spannend und hochklassig ist, redet anschließend keiner mehr darüber, dass zuvor 60 Minuten lang Durchschnitt geboten wurde. Ein bisschen war es so beim Sinfoniekonzert des Kasseler Staatsorchesters mit Patrik Ringborg in der ausverkauften Stadthalle.

Der Wendepunkt des Konzerts war der langsame Satz in Gustav Mahlers vierter Sinfonie. In diesem von teils heiterer, teils beißender Ironie durchzogenen Werk sind die reichlich zwanzig Minuten des „Poco adagio“ jener Teil, in dem der Komponist sagt: Jetzt mal im Ernst! Und in dem reine, schöne Musik zum Fließen kommt wie sonst kaum einmal bei Mahler.

Als die Celli, begleitet von den Bässen, mit ihrer sanften Melodie einsetzten und die übrigen Streicher nach und nach dazutraten, da entspann sich ein Musizieren voller Ruhe und Intensität. Es war der Beginn einer Entwicklung, die in einem großen Spannungsbogen hinführte zum gleißenden Forte und der sphärischen Wendung zum Finale hin.

Dieses ist ein großer Spaß, eine Humoreske. Dass Mahler die fünf Strophen des Lieds „Das himmlische Leben“ aus der Sammlung „Des Knaben Wunderhorn“ als Sopransolo an den Schluss der Sinfonie stellt, spricht allen Traditionen dieser Gattung Hohn. Und es ist - von der Achten abgesehen - auch das letzte Mal, dass Mahler die menschliche Stimme in seinen Sinfonien einsetzt.

Nina Bernsteiner verlieh diesem zwischen Naivität und hintersinnigem Humor changierenden Lied einen reinen, liebreizenden Ton. Dem eine Spur Spott beigemischt war, etwa bei den Zeilen: „Kein’ Musik ist ja nicht auf Erden, die uns’rer verglichen kann werden.“ So als ob Mahler im dritten Satz schon zu viel von sich preisgegeben hätte.

Instrumentale Glanzmomente gab es auch in den ersten beiden Sätzen der Sinfonie, doch fehlte es dem irrlichternden ersten und dem etwas unheimlichen Scherzo (das laut Mahler aber „so bös nicht gemeint“ ist) an innerem Zusammenhalt.

Zögerlich, fast etwas unsicher hatte das Konzert mit Mozarts Prager Sinfonie begonnen. Auch nach der langen Einleitung gewann der erste Satz keine rechte Stabilität. Auch diese Mozart-Sinfonie weicht wie Mahlers Vierte von der Norm ab: Das übliche Menuett fehlt - und wäre angesichts der eher dunklen Tönung auch fehl am Platze.

Das Presto-Finale, das dann mit Spielfreude die dunklen Gedanken verscheucht, kam hier allerdings nicht gelöst, sondern etwas gehetzt daher. Spätestens nach dem Mahler-Finale war dies aber vergessen und der Beifall herzlich.

Von Werner Fritsch

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