Erst am Ende, jetzt besser denn je: die Rock-Band Selig

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Rufen zur Langsamkeit auf: Christian Neander (von links), Malte Neumann, Jan Plewka, Stephan Eggert und Leo Schmidthals von der Hamburger Band Selig.

Die Rock-Band Selig musste erst komplett am Ende sein, um richtig zu triumphieren. 1999 hatte sich das Hamburger Grunge-Quintett im Streit aufgelöst. Nach ihrer Wiedervereinigung kam der große Erfolg.

Vor allem die beiden Köpfe, Sänger Jan Plewka und Gitarrist Christian Neander, wollten nichts mehr miteinander zu tun haben. „Ich habe mich im Hauseingang versteckt, damit er mich nicht sieht“, gestand Plewka einmal.

Irgendwann rief er doch seinen einstigen Kumpel an und fragte, ob sie nicht wieder zusammen Musik machen wollten. Das 2009 erschienene Comeback-Album „Und endlich unendlich“ erreichte als erstes Selig-Werk überhaupt Goldstatus. Das ist ungewöhnlich, weil wiedervereinigte Rock-Bands normalerweise vergeblich den alten Großtaten hinterherrennen.

Der kommerzielle Triumph ist für Neander jedoch nicht das Entscheidende, wie er unserer Zeitung sagt: „Unser größter Erfolg war es, die ganze Wut aufzuarbeiten. Wir haben kein Rock’n’-Roll-Klischee ausgelassen.“ Partys, Drogen, Streitereien, Burn-out - das volle Programm.

Davon ist auf dem neuen Album „Magma“ nicht mehr viel zu spüren. Selig machen immer noch erstklassigen Rock’n’Roll, aber die zwölf neuen Songs klingen wie ein Hippie-Manifest von fünf Freunden, die nichts mehr erschüttern kann. Die Single „Alles auf einmal“ etwa ist ein Aufruf zur Langsamkeit. „Ein Leben im Überflug, mit Leichtsinn und Selbstbetrug, nie genug,“, singt Plewka über die Zeit, in der die Band kollektiv ausgebrannt war.

Passend dazu haben Selig sich in England fotografieren lassen, wie sie über eine Straße und den aufgepinselten Hinweis „Langsam“ rennen. Aufgenommen haben sie „Magma“ in einem Kaff in den East Midlands, wo es noch nicht mal eine Kneipe gab. Produzent Steve Power, der bereits die ersten fünf Alben von Robbie Williams zu Hits machte, spielte ihnen das „Weiße Album“ der Beatles vor. Und an einem Abend, als lauter Sternschnuppen auf die Erde regneten, schauten sie gemeinsam in den Himmel und hörten über den iPad Pink Floyd.

Wahrscheinlich auch deshalb klingen Songs wie das Titellied sehr psychedelisch. Dazu kommen Rave, der an die Stone Roses erinnert („Ich lüge nie“), melancholische Liebesballaden („Wenn ich an dich denke“) und der zackige Politsong „Love & Peace“, der die Geschichte der letzten 50 Jahre zusammenfasst und zum Handeln aufruft: „Wenn du dich nicht selbst verändern kannst, verändere die Welt.“

Das kann auch im Kleinen passieren. Der Hobby-Handwerker Plewka hat einmal eine Schlafcouch gezimmert, die bis heute von allen bewundert wird. Er hält sie für seinen größten Triumph.

Selig: Magma (Vertigo/Universal).

Wertung: vier von fünf Sternen

Von Matthias Lohr

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