Vor hundert Jahren wurde der Komponist  John Cage geboren

Künstler von großem Einfluss: John Cage im April 1982. Foto: dpa

Was die Hörer bei seinem berühmtesten Stück hören, darauf hat der Komponist John Cage keinen Einfluss. Bei „4’33“ erklingt viereinhalb Minuten kein einziger Ton, und doch berichten viele nach einer Aufführung von inneren Hörerlebnissen.

Aber auch wer gar nichts hört, hat in Cages Sinne alles richtig gemacht. Denn für ihn ist ein Musikstück nicht etwas objektiv Gegebenes, sondern etwas, das erst der Hörer individuell formt.

Heute vor 100 Jahren wurde der Künstler geboren, der das Denken über Musik vielleicht nachhaltiger beeinflusst hat als alle Vertreter der europäischen Avantgarde. Cage wuchs in Kalifornien auf und beschäftigte sich mit Dichtkunst, bildender Kunst und Architektur, ehe die Musik zu seinem Schwerpunkt wurde. Der Polyartist legte sich aber nie auf eine künstlerische Sparte fest und gehörte zudem zu den wichtigsten Vertretern der Fluxusbewegung, die auf Spontaneität setzte und den Werkbegriff in Frage stellte.

Wichtige Anregungen empfing Cage 1930/31 bei einem Europaaufenthalt, wo er auch erste homosexuelle Erfahrungen machte. Eine enge Beziehung verband ihn ab 1938 mit dem Tänzer Merce Cunningham. Cage hatte viele Lehraufträge an verschiedenen Instituten und für unterschiedliche Fächer. Unter anderem lehrte er in New York gleichzeitig Pilzbestimmung und experimentelle Komposition.

Seine Kompositionen lassen sich auf keinen gemeinsamen Nenner bringen. Gemeinsam ist ihnen die Offenheit der Gestaltung. Cage ist Erfinder des präparierten Klaviers, bei dem Gegenstände in den Saiten und an den Hämmern den Klang verändern.

Auch das wohl am längsten dauernde Musikstück der Geschichte stammt von Cage: „Organ2/ASLSP“ (as slow as possible - so langsam wie möglich). In Halberstadt (Sachsen-Anhalt) läuft seit 2001 eine Aufführung der achtseitigen Partitur, die auf 639 Jahre angelegt ist. Der Komponist, der am 12. August 1992 in New York starb, wird bei Beendigung des Stücks 648 Jahre tot sein.

Von Werner Fritsch

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