Für den Leipziger Buchpreis nominiert: Thomas von Steinaeckers "Das Jahr ..." 

Thomas von Steinaecker

Der lange Titel von Thomas von Steinaeckers viertem Roman „Das Jahr in dem ich aufhörte mir Sorgen zu machen und anfing zu träumen“ hat programmatischen Charakter. Denn das Leben seiner Protagonistin ändert sich abrupt. Sie gerät von der Überholspur aufs Abstellgleis, vom Dauerstress zur fast meditativen Träumerei.

Es ist ein nervenaufreibender Weg für die 42-jährige Renate Meißner, eine alleinstehende Powerfrau, die als Vize-Abteilungsleiterin eines Versicherungsunternehmens ihr Privatleben der Karriere untergeordnet hat. Sie denkt und fühlt ausschließlich in Statistiken und Umsatzrenditen.

Der in Augsburg lebende, 35-jährige von Steinaecker, der 2007 mit seinem Debüt „Wallner muss fliegen“ für Furore gesorgt hatte, verwendet eine Sprache, die so kühl und distanziert wirkt wie der Gefühlshaushalt seiner Hauptfigur. Zur effektvollen Unterstützung hat er Illustrationen, Fotos und Notizzettel in den Text montiert.

Dass es mit einer auf die berufliche Sphäre fixierten Figur kein gutes Ende nehmen kann, ahnt man früh. Zuerst wird Meißner versetzt. Weggelobt oder entsorgt? Ihr Vorgesetzter und Geliebter, Vorstandsmitglied Walter, hat einen Schlussstrich unter die Beziehung gezogen. Durch einen Kunden knüpft Meißner Kontakt zu einer Vergnügungsparkbetreiberin in Russland. Jene Frau stammt zufällig aus Bayern und hat (da sind es doch der Zufälle zuviel) frappierende Ähnlichkeit mit Renates verschwundener Großmutter. Zwei Flugstunden östlich von Moskau verhandelt Meißner mit der Greisin über eine Versicherung eines in München geplanten Projektes.

Fader Beigeschmack

Dieser für den Leipziger Buchpreis nominierte Roman über das klägliche Scheitern der vom Ehrgeiz Zerfressenen hinterlässt einen faden Beigeschmack, denn alles wirkt arg konstruiert, die Geschichte entwickelt keinerlei Eigendynamik. Dass Renate fern der Heimat erfährt, dass sie ihren Job verloren hat, überrascht kaum. Es kommt auf der letzten Seite zum totalen Cut in ihrem Leben. Diese komplette Umkehr wirkt wenig plausibel.

Thomas von Steinaecker: Das Jahr in dem ich aufhörte mir Sorgen zu machen und anfing zu träumen. Fischer, 389 S., 19,99 Euro, Wertung: !!!::

Von Peter Mohr

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